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Hector Berlioz

Sa 3. September 2011 | 20:00

Als einen „unwahrscheinlichen Roman“ hat Hector Berlioz (1803–1869) sein Leben rückschauend empfunden. In der Tat verlief es in einem abenteuerlichen Auf und Ab zwischen heftigen Liebesaffären, großen Erfolgen und beruflichen Desastern, fast durchweg begleitet von finanziellen Sorgen.

Berlioz stammt aus einem kleinen Örtchen an der Isère am Fuße der französischen Alpen. Sein Vater, ein angesehener Arzt, übernahm selbst den Unterricht seines Sohnes und vermittelte ihm eine umfassende klassische Bildung. Berlioz’ besondere Empfänglichkeit für Literatur und sein schriftstellerisches Talent wurzeln in diesem Unterricht, aber auch seine musikalische Begabung erhielt eine gewisse Förderung. Dennoch bleibt es völlig rätselhaft, wie sich Berlioz innerhalb weniger Jahre, anfangs noch neben einem 1821 in Paris aufgenommenen Medizinstudium, die kompositorischen Fähigkeiten aneignen konnte, die sein Werk tragen. 1826 gab er das ungeliebte Medizinstudium auf und widmete sich ganz der Musik. 1830 schuf er dann sein Meisterwerk, die Symphonie fantastique, die im Dezember desselben Jahres uraufgeführt wurde. Mit diesem Werk zeigt sich ein Schöpfertum, in dem eine rein musikalische, stark klanglich geprägte Imagination untrennbar mit einem dichterischen, erzählenden Element verknüpft ist und das gleichermaßen durch die Kraft seiner musikalischen Gedanken wie durch dramatische Anschaulichkeit und Schlagkraft bezwingt. Das gleichsam achselzuckende Beiseitewischen von zuvor unantastbaren Gattungskonventionen, die Entdeckung der Klangfarbe als eigener Dimension der Gestaltung, das Eröffnen imaginärer musikalischer Räume mit klar unterschiedenen Ebenen, Elemente von Verzerrung und Deformation, von Zitat und Collage – all dies fließt in einem Stil von irritierender Modernität zusammen. Diese Modernität erstaunt umso mehr, als Berlioz keineswegs ein reiner Revolutionär war, sondern in manch anderer Hinsicht wie etwa der Harmonik durchaus konservativ blieb.

Nach der Symphonie fantastique erhielt Berlioz ehrenvolle Kompositionsaufträge und hatte mit symphonischen Werken wie Harold en Italie und Roméo et Juliette oder dem Requiem große Erfolge. Dennoch blieben die Reaktionen auf seine Werke gemischt. Während ihm das Publikum etwa in Deutschland durchaus wohlgesonnen war, wurde er in Paris, wo er dies unbedingt wollte, als Komponist nie wirklich akzeptiert. Trotz der epochemachenden Bedeutung seiner Werke blieb Berlioz so zeitlebens auf die Einkünfte aus Brotberufen als Journalist, der glänzend zu schreiben vermochte, und als Bibliothekar angewiesen. Hinzu kam ab 1835 auch eine Tätigkeit als Dirigent, in der er vor allem als Anwalt eigener Werke auftrat.

Im Laufe der 1840er Jahre wandelte sich Berlioz’ Position im Musikleben allmählich. Jüngere Komponisten wie Wagner und Liszt traten auf den Plan und verbanden Berlioz’ Errungenschaften mit einer unerhört kühnen, neuartigen Harmonik und neuen Gestaltungsideen. Berlioz hingegen begann, sich als Wahrer der Tradition zu empfinden. Seine Oper Les Troyens, sein musikdramatisches Hauptwerk, konzipierte er explizit gegen den Zeitgeist. Die Aufnahme des Werkes war widersprüchlich. Eine vollständige Aufführung hat es zu Berlioz’ Lebzeiten nicht gegeben, aber eine stark gekürzte Fassung wurde 1863 zu einem großen, auch finanziell bedeutenden Erfolg. Dennoch fühlte sich Berlioz zunehmend isoliert. Auch von privaten Schicksalsschlägen betroffen, verlor er sich in den 1860er Jahren in depressiver Resignation. Von den Strapazen einer glanzvollen Konzertreise nach Russland konnte sich Berlioz nicht mehr erholen. Er starb kurz nach seiner Rückkehr in Paris am 8. März 1869.

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