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Dramatikersalon

Das Theater um die kulturelle Identität – unbekannte Freunde im Land?
mit: Neco Çelik (Filmemacher, Regisseur), Werner Schiffauer (Kultur- und Sozialanthropologe, Islamexperte) und Ilija Trojanow (Schriftsteller)
Gesprächsleitung: Joachim Lux
Im Publikum anwesend: Dikmen Gürün (Leiterin des Internationalen Theaterfestivals Istanbul), Dilek Altuntas (Dramaturgin aus Istanbul und Teilnehmerin des Internationalen Forums) und Müşerref Öztürk Çetindoğan (türkische Stückemarkt-Autorin)

Soll man in den deutschen Großstädten neue Moscheen bauen? Dürfen Lehrerinnen beim Unterrichten ein Kopftuch tragen? Darf in der Schule das christliche Kreuz hängen? Müssen sich die Fremden im Land assimilieren oder dürfen sie nach ihren eigenen Wertvorstellungen weiterleben und archaisch-vormoderne Gesetzmäßigkeiten (auch im Verhältnis der Geschlechter zueinander) in unsere Kultur hineintragen? Man könnte so endlos weitermachen. Viele Fragen, aber kaum haltbare Antworten.

Dies alles ist für Deutschland relativ neu. Während Großbritannien und Frankreich aufgrund ihrer kolonialen Geschichte schon immer ein Melting pot der Völker waren, war Deutschland noch bis vor wenigen Jahrzehnten ein von seiner nationalen Kultur geprägtes Land, das italienische und türkische Gastarbeiter mehr oder weniger geschmeidig aufgenommen hat. Diese Entwicklung war zwar zugegebenermaßen ein erheblicher sozialer und ökonomischer Faktor, die enorme Dynamik des letzten Jahrzehnts jedoch hat Züge einer kulturellen Revolution. Die Folgen der hier angedeuteten Prozesse sind für beide Kulturen heftig: Abschabungs- und Auflösungsprozesse auf beiden Seiten; Abgrenzungsbedürfnisse und Selbstbehauptungswillen der jeweiligen Kulturen, auch in den Fundamentalismus übergehend. In der Begegnung mit dem Fremden verändert sich nicht nur der Fremde, sondern auch das eigene Selbst. Man fühlt sich bedroht, ist verunsichert. Suchbewegungen sind die Folge, fehlen doch in fast allen Fragen Beurteilungskategorien und Verhaltenskodices. Die potentielle Sprengkraft dieser Prozesse ist enorm. Permanent liegt der Respekt vor den Fremden im eigenen Land im Konflikt mit dem Anspruch auf Deutungshoheit durch die Mehrheitskultur. Zusätzlich sind die Konfliktlinien längst nicht mehr klar, denn in beiden Gesellschaften gibt es zahllose unterschiedliche Positionen zu diesen Themen, und auch die Vermischung der Kulturen hat längst begonnen. Dies alles zusammengenommen führt zwangsläufig zu einer Auflösung der alten kulturellen Identität, sei es der okzidentalen oder der orientalischen. Der immer noch griechisch-römisch-christlich geprägte Kulturkreis des Abendlandes verliert sich mehr und mehr. Wo die Chancen und Risiken dieses Prozesses liegen, wissen wir nicht so genau. Auch das Ergebnis ist uns unbekannt. Wir sind mittendrin.

Dieser qualitative Sprung hat natürlich Folgen für die kulturellen Apparate und deren Äußerungsformen, also auch für die Theater. Der fremde Außenseiter, wie ihn noch Shakespeare, etwa im „Kaufmann von Venedig“ oder in „Othello“, dargestellt hat, bildet die neue Situation nur unzulänglich ab, neue Strategien und Entwicklungen sind nötig. Als der italienische Regisseur Roberto Ciulli 1990 eine Roma-Gruppe in sein eigenes Theater integrierte, war dies noch etwas Exotisches. Heute ist bereits eine ganze Generation von Migranten in Deutschland aufgewachsen, die – sei es als Theaterbesucher, sei es als Künstler – ihre Probleme und Infragestellungen in unsere Gesellschaft hineinträgt. Die Adressaten aber sind nicht nur die anderen Migranten, sondern auch wir und unser Selbstverständnis, das sich unter dem Druck der Entwicklung zwangsläufig verändert. Viele Theater zwischen Köln, München, Berlin oder Mülheim an der Ruhr reagieren auf diese Situation, Autoren wie Feridun Zaimoglu, Regisseure wie Nuran Calis gehen als Künstler mit der Lage um. Wie ist ein Dialog ohne Heuchelei möglich? Wie eine eigene Position ohne Starrsinn, wie Toleranz ohne anything goes?

Meine Gesprächspartner im diesjährigen Dramatikersalon sind ausnahmsweise keine Dramatiker, sondern Experten, was diese Thematik betrifft: der auch in der Jugendarbeit engagierte, in Berlin-Kreuzberg lebender Filmemacher und Regisseur Neco Çelik, der Kultur- und Sozialanthropologe Werner Schiffauer von der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder) sowie der Schriftsteller Ilija Trojanow, der soeben die Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin antrat.
Joachim Lux

Joachim Lux
Seit 2004 leitet Joachim Lux den Dramatikersalon im Rahmen des Berliner Theatertreffens. Lux, der zuvor als (Chef-)Dramaturg bzw. Regisseur in Bremen (1996–1999), Düsseldorf (1989–1996) und Köln (1984–1989) wirkte, ist leitender Dramaturg am Burgtheater Wien und seit 1999 dort auch Mitglied der künstlerischen Direktion. Er hat mit den prägenden deutschsprachigen Regisseuren zusammengearbeitet, wie Karin Beier, Jan Bosse, Andrea Breth, Frank Castorf, Barbara Frey, Dimiter Gotscheff, Sebastian Hartmann, Hans Kresnik, Andreas Kriegenburg, Wilfried Minks, Christiane Pohle, Falk Richter, David Mouchtar-Samorai, Christoph Schlingensief, Nicolas Stemann. Daneben ist Joachim Lux für die Salzburger Festspiele und die Nibelungenfestspiele Worms tätig, schreibt u.a. für Theater heute und Theater der Zeit und ist Mitverfasser des Buches „Merlins Zauber“ über Tankred Dorst (Suhrkamp Verlag). Er hat zahlreiche Texte dramatisiert und für die Bühne bearbeitet.