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Chaya Czernowin

Sonnabend 17. März 20.00 Uhr

Aus dem Dialog mit Fremdem heraus eine eigene Identität zu finden: Dies ist bis heute eine Konstante im künstlerischen Werdegang Chaya Czernowins geblieben. 1957 im israelischen Haifa geboren als Tochter polnisch-jüdischer Eltern, lernte sie in ihrem Elternhaus über den Rundfunk zum Beispiel auch arabische Musik kennen. Nach ihrem Kompositionsstudium in Tel Aviv kam sie 1983 nach Berlin, um ihre Studien bei Dieter Schnebel fortzusetzen. Zwei Jahre später zog es sie nach San Diego in Kalifornien, wo Brian Ferneyhough und Roger Reynolds ihre Lehrer waren. Seit Ende der 1980er Jahre arbeitet sie an einem nicht sehr umfangreichen, dafür aber dichten und zunächst vielleicht verschlossen wirkenden Oeuvre, das sich durch die Prägnanz der musikalischen Gesten und die Verfeinerung unverbrauchter Farb- und Geräuschklänge auszeichnet. Ein Aufenthalt in Tokio 1993–94 bot Chaya Czernowin erneut die Chance, in eine ihr fremde Kultur einzutauchen; sie vertiefte sich in traditionelle japanische Musik. Als sie 1997 zur Professorin für Komposition an der University of California in San Diego ernannt wurde, folgten sehr produktive Jahre im Austausch mit Studenten und Kollegen. Daneben war Chaya Czernowin regelmäßig in Europa, unter anderem als Dozentin bei den Darmstädter Ferienkursen und an der Akademie Schloss Solitude bei Stuttgart.

Die Oper Adama, als Gegenstück zu Mozarts Singspiel Zaide uraufgeführt bei den Salzburger Festspielen im Mozartjahr 2006, sieht Chaya Czernowin im Licht eines Dialogs zwischen fremden Partnern, da sie Mozarts Musik als ihrer eigenen Musiksprache diametral entgegengesetzt erfährt. Durch diese erstmalige Öffnung für ein älteres Werk hat ihre eigene Musik neue Qualitäten hinzugewonnen. Zaide/Adama.Fragments brachte die Fortsetzung der erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Regisseur Claus Guth, nachdem ihr erstes gemeinsames Opernprojekt, Pnima...ins innere für die Münchner Biennale 2000, zweimal ausgezeichnet wurde, einmal mit dem Bayerischen Theaterpreis und von der Zeitschrift Opernwelt als beste Uraufführung des Jahres 2000. Eine DVD von Pnima...ins innere ist 2006 bei Czernowins Label Mode Records in New York erschienen. Zaide/Adama.Fragments wird, nach Aufführungen in Basel Ende 2006, im Jahr 2008 in Bremen und in Schweden neu inszeniert werden.
Inzwischen ist Chaya Czernowin von der amerikanischen Westküste nach Wien übergesiedelt, wo sie an der Universität für Musik und darstellende Kunst eine Professur innehat. Denn neben der Universität in San Diego, ihrer geistigen Heimat, und Israel, wo ihre Eltern leben, ist Chaya Czernowin nicht zuletzt in Europa, das sie ausdrücklich als die Heimat ihrer Musik bezeichnet, zu Hause.

Ein immer wiederkehrendes Phänomen in Czernowins Schaffen bildet, seit Ina für Bassflöte und Flöten auf Tonband (1989), die Kombination eines einzelnen Instruments auf der Bühne mit zuvor aufgenommenen Tonspuren des gleichen Instruments. Die Konfrontation eines sichtbaren Solisten mit den aus wechselnden Richtungen hereinströmenden, unsichtbaren, aber nahezu identischen Tonbandklängen verweist immer auch auf die disparaten Identitäten innerhalb eines einzelnen Individuums. Ganz besonders trifft dies zu, wenn es sich, wie in Shu Hai mitamen behatalat kidon (Shu Hai übt Speerwerfen, 1997), um eine einzelne menschliche Stimme handelt, die sich, wie in einem Spiegelkabinett, zwischen neun Doppelgängern bewegt. In Maim zarim führt Chaya Czernowin diesen Strang in ihrem Oeuvre mit aufwändigen Mitteln fort: Der Hauptsolist ist hier ein Tubax, das zuvor achtstimmig aufgenommen wurde und das sich zwischen einem Solistenquinttet (darunter wiederum Tubax live) und großem Orchester bewegt.
Hella Melkert


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