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Bitte benehmen Sie sich!

Nach den unergiebigen Diskussionen über theatrale „Dogmen“
geht es nun ums Leben.


„Piercings sind absolut verboten.“ Behaupten Benimm-Onkels. Verboten? Ja, „wie wollen wir leben?“ Fragt sich auch das Theatertreffen auf der letzten Diskussionsveranstaltung. Man schaut am zugepiercten Körper hinunter und denkt: vielleicht doch ohne Metalldetektoren? Oder im Sinne der viel beschworenen neuen Bürgerlichkeit, der guten alten Werte?

Immerhin, die Debatte darüber haben wir schon. Über Werte, Bürgerlichkeit und den gepiercten Jetztzeitmenschen. Aber findet die überhaupt eine Entsprechung in der Realität? Wovon spricht eigentlich, wer von Werten, Bürgerlichkeit und Benimmregeln spricht? Und was macht das Theater? Theater sollte doch im besten Sinne auf gesellschaftliche Realitäten reagieren. Gesellschaft abbilden, vorführen oder weiterspinnen. Aber Platonow als neuer Bürgerlicher? Der ist doch ein Geschwür, der liegt uns doch nur auf der Tasche und versäuft das Geld, mit dem begabte Bühnenbildner vielleicht einen kompletten Bahnhof in die Theaterhäuser bauen könnten.

Jaja, es gibt wieder Menschen, die sich in neu gegründeten Salons organisieren. Nur manchmal müssen sie dafür erst ihre Persönlichkeit zurechtrücken. Zum Beispiel von der Benimmgräfin Amélie Gräfin von Monteglas. „Lassen Sie sich bei einem gemütlichen Abendessen im Herrenhaus Schwaig von mir beraten. Wie fit sind Sie wirklich? – Absolute Diskretion.“ Meike Slaby-Sandte bietet dagegen den „Kleinen Knigge“ für die 6 bis 12-Jährigen an. Beim Trainieren des richtigen Essens würden auch „knifflige Speisen, wie zum Beispiel Spaghetti, nicht fehlen“. Das ist die neue Bürgerlichkeit? Oder werden hier nicht nur ein paar Chefetageler ausgebildet? Eine Sache ist zumindest klar: Piercings im Herrenhaus und an Kinderkörpern? Fehlanzeige.

Die letzte Gewissheit, dass wir es eben doch nicht mit einer neuen Bürgerlichkeit in unserer Gesellschaft zu tun haben, bringt ein Blick in die Statistik. Etwa 20 Prozent der 18 bis 69-Jährigen sind Singles, also ungebunden. Warum? Weil immer noch der Geist der sexuellen Befreiung durch die Vorstandsköpfe wabert. Und morgens am WMF-Frühstückstisch beten sie ihr Credo herunter: „Wer zweimal mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment.“

Und wie reagiert das Theatertreffen auf diese nebelige Gesellschaft? Es schaut auf das glänzende Gepränge am Körper und wundert sich. Anstatt die Haut zu durchstoßen, klemmt man sich Modeschmuck ans Ohrläppchen. Das tut nicht weh. Ist gerade das die neue Bürgerlichkeit? Zum Glück gibt es „Der Kick“. Ein schweres Stück Metall, das ein bisschen schmerzt.

Tim Meyer

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