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Pressestimmen Szosa Wołokołamska [Wolokolamsker Chaussee I–V]

Vorstellungen bei spielzeit’europa 11|12: 10. und 11. Dezember 2011

Patrick Wildermann, Der Tagesspiegel, 12. Dezember 2011

Barbara Wysocka, Jahrgang 1978, hat sich nicht nur in Polen längst einen Namen als intelligente Durchdringerin deutschsprachiger Literatur gemacht. (…) Schlicht staunenswert, wie scheinbar mühelos sie sich nun auch die Müller’schen Dialektikverse heranzieht und glasklar hörbar, verstehbar macht: das von Anna Seghers inspirierte Duell zwischen einem Direktor und seinem Stellvertreter, begleitet vom Kettenrasseln des 17. Juni 1953. Die kafkaeske Bürokratieparabel, die vom Verwachsen eines Polizeioffiziers mit seinem Schreibtisch erzählt: „Ein Möbelmensch oder ein Menschenmöbel“. Das Kleist’sche Drama schließlich, das zur Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 aufzieht: Ein Vater, der hier als Faktotum im roten Trabi auf der Bühne sitzt, hat den eigenen Adoptivsohn denunziert. Das Müller’sche Leitmotiv dieses letzten Teils – „Vergessen und vergessen und vergessen“ –, das Wysocka von einem Basslauf untermalen lässt, wird noch lange nachhallen.

Ekkehart Krippendorff, Neues Deutschland, 13. Dezember 2011

Nicht vergessen! Heiner Müller
Mit dem uns ins Gehirn getrommelten und bis an die Grenze des Erträglichen wiederholten Befehl „Vergessen“ endet die polnische Spiegelung von Heiner Müllers beängstigendem historisch-politischen und mit verstörenden Bildern unterlegtem Bilanz-Text der „Wolokolamsker Chaussee“: Man kann spielzeit’europa und die Berliner Festspiele nur loben für einen weiteren Höhepunkt politischen Theaters dieser Saison, der wie schon die bisherigen Gastspiele das Meiste an Kraft und Ernsthaftigkeit in Schatten stellt, was unsere eigenen Bühnen routinemäßig anbieten. Was sollen wir vergessen, wozu die junge polnische Theatermacherin Barbara Wysocka in der Maske Heiner Müllers ihr Publikum auffordert – aber offensichtlich mahnend das Gegenteil meint? Das unvergessliche Finale dieser fulminanten Adaption des poetisch komplexen sprachmächtigen Textes spielt in den grausam-kalten Diensträumen der realsozialistischen Ordnungsmacht, die sich ihre Gegner mit raffiniert brutalem Diensteifer als Beweise für die eigene Existenzberechtigung selbst konstruiert. Kafkas Gregor Samsa der „Verwandlung“ wird hier zum verhörenden Polizisten, der an seinem kleinen Schreibtisch festgewachsen ist – eine doppelte Metapher, die einem das sprichwörtliche Blut in den Adern erkälten läßt. Das, ebenso wie die Absurditäten des deutschen Russland-Krieges und die Hinrichtung der eigenen Leute als Deserteure oder auch die Niederschlagung des 17. Juni-Aufstandes, sollen wir „vergessen“. Das wird uns hier schwergemacht.

Matthias Heine, Die Welt, 15. Dezember 2011

In Stalingewittern: Regisseurin Barbara Wysocka gastierte mit „Wolokolamsker Chaussee“ in Berlin
Man hat sich allmählich daran gewöhnt, dass die besten Heiner-Müller-Inszenierungen nicht aus Deutschland oder doch zumindest von ausländischen Regisseuren kommen. (…) Auch von Polen aus betrachtet, sieht Heiner Müller besser aus. Frischer. Jünger. Weniger Retro. Das mag im Falle von „Szosa Wolokolamska“ (Wolokolamsker Chaussee I-V), das bei den Berliner Festspielen gastierte, auch am Alter der Beteiligten liegen: Sowohl die Regisseurin Barbara Wysocka als auch die Schauspieler Adam Cywka, Rafal Kronenberger und Adam Szczyszczaj sind um die 30. (…)
Ihr Blick auf Müllers Werk ist erfreulich frei von jener Verbissenheit, die die Rezeption des Klassikers hierzulande lähmt. Müller hatte das Problem wohl selbst erkannt, deshalb wünschte er sich kurz vor seinem Tode Inszenierungen von Castorf und Wilson. Doch sowohl der Jüngere als auch der Amerikaner verfingen sich in den staubigen Spinnweben einer damals schon kodifizierten Rezeption. (…)


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