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Pressestimmen Le Savali: Berlin

Vorstellungen bei spielzeit’europa 11|12: 6., 8. und 9. Oktober 2011

Andrea Schurian, Der Standard, 8. Oktober 2011

Welt-Geschichten in Berlin
„Le Savali: Berlin“ von Lemi Ponifasio: Mit einer Uraufführung hat Brigitte Fürle ihre letzte Saison als künstlerische Leiterin der „Spielzeit Europa“ bei den Berliner Festspielen eröffnet

„Le Savali“ ist das samoanische Wort für eine Reise, um eine Botschaft, ein Anliegen, zu vermitteln. So einer, der die Geschichten in die Welt trägt und Menschen ermutigt, gemeinsam die Stimme zu erheben, zu tanzen, zu performen, so einer ist Lemi Ponifasio: weit- und weitgereist, eingeladen von den Wiener Festwochen, der Ruhrtriennale, der Biennale von Venedig und jetzt bei den Berliner Festspielen; charismatisch, freundlich – und, ja, in seiner Mission gnadenlos.
Zeit. Viel Zeit nimmt er sich, gleich zu Beginn dauert es fast schmerzhaft lang, bis sich der Vorhang hebt. Und dann nur gerade so viel, dass man ein Mensch-Tier-Wesen über die Bühne laufen sieht, auf allen vieren. in Zeitlupe füllt er die Bühne mit betörend schönen Bildern, inszeniert in der poetischen Lichtarchitektur von Helen Todd Installationen aus Menschen und Tönen und Schatten und Licht: in Grau getaucht, Nachtschwarz, gleißendes Weiß.
Lemi Ponifasio träumt von einer Welt, in der niemand ausgegrenzt wird. Die nicht nach dem Woher fragt, sondern nur mehr diese einzige Zuschreibung kennt: Mensch. Aber dann ist doch im Titel die Verortung „Berlin“, diese multikulturelle Stadt der vielen Gesichter und Geschichten zeichnet er, stellvertretend für alle Städte dieser Welt, als Ort zwischen Leben und Tod, zwischen Vergangenheit und Zukunftsvisionen. Monumental ist dieser Abend, und folglich auch mitunter schwer pathetisch, schwermütig, voller Trauer und dann wieder leichtfüßig, anspielungsreich, voller Leben und Wahnsinn.
Vierzig Tanzerinnen und Tänzer aus Samoa und auch ein paar aus Neukölln treffen in Berlin erstmals aufeinander, körperbeherrschende Profis und bewundernswerte Laien. Ein Frauenchor aus Bulgarien, der, wie die Musiker, meist im Verborgenen agiert. Der minimalistische, mitunter fast einschläfernd monotone Sound, die leisen Melodien, das Kratzen, Scheppern, Klagen, Geigen stammt von Fabrizio Cassol, der u.a. mit Anne Teresa De Keersmaeker oder auch Alain Platel zusammengearbeitet hat.
Nur mit einer grauen, betörend schönen (Berliner) Mauer hat Ponifasio seine Bühne möbliert, auf die ein junger Roma sorgfältig „I Am Angelo“ malen wird. Menschen werden über diese Mauer klettern, darüber schweben, daran zerschellen, davor scheitern, sich wieder aufrichten, Hoffnung schöpfen. Und unvermutet wird ein Rilke-Gedicht aus den Duineser Elegien aus dem Dunkel des Nichts erscheinen und wieder verlöschen. „Was auf der Bühne geschieht“, sagt Ponifasio, „ist keine Folklore. Das sind wir, so sind wir. Die Folklorisierung der Kultur führt dazu, dass du nicht mich siehst, sondern nur deine eigene egoistische Fantasie.“

Hinrike Gronewold, Weltexpress, 18. Oktober 2011

Das Staunen, das in der Musik spürbar wird, die anrührend ist aber niemals sentimental oder pathetisch, prägt auch die Aktionen der PerformerInnen auf der Bühne. Die Gänge, zu denen sie sich, hintereinander aufgereiht, mehrfach formieren, erscheinen nur auf einen ersten, vorschnellen Blick wie feierliches Schreiten. Es ist ein äußerst konzentriertes Gehen, erhobenen Hauptes mit dem ganzen Körper den Raum wahrnehmend. Die nackten Füße erkunden sorgsam den Boden. Sie gehen nicht im Gleichschritt, sondern leicht versetzt, jede und jeder dem Rhythmus des eigenen Atems folgend.

Trotz der Entschleunigung, die dieser Abend auf vollkommenste Weise erfahrbar werden lässt, ist es unmöglich, alle Details wahrzunehmen. Es genügt ja nicht, aktuellen Anforderungen gemäß, mit schnellem Blick das vermeintlich Wesentliche zu erfassen und alles Andere außer acht zu lassen, denn hier ist alles wesentlich.

Die Beleuchtung ist während der gesamten Vorstellung düster. In diesem Halbdunkel vollbringt die Lichtkünstlerin Helen Todd jedoch gestalterische Wunder. So verwandelt sich die Wand im Hintergrund, das einzige Ausstattungsstück, in eine von Nebeln umwehte Pyramide. Später neigt sich die Wand nach hinten, wird zur Schräge, und durch Lichteffekte bilden sich zwei Stufen heraus. Ein Mann steht in schwindelerregender Höhe in der Luft, die nackten Oberkörper der Performer sehen aus, als seien sie aus Marmor, und der Blick auf die Schräge wird, bei menschenleerer Bühne, zum faszinierenden Abenteuer.
[…]
Was wie eine Verhöhnung des Gekreuzigten aussehen könnte, erscheint im Zusammenhang des Stücks eher als Entlarvung des multikulturellen Wesens des Christentums, bei dem mit dem Tod und der Auferstehung des Heilands zugleich die außerchristlichen Rituale des Frühlingsopfers und des Fruchtbarkeitskults zelebriert werden.

Die Multikulti-Gesellschaft, angeblich eine Errungenschaft unserer Zeit, vielfach bereits als gescheitert abgetan, ist, wie wir doch alle wissen, auf uralten Traditionen begründet. Bei ihren Erkundungsgängen steigen die PerformerInnen auch in die Tiefen der Vergangenheit hinunter.

Die Einzelaktionen, bei denen es um Alltägliches wie das Ausziehen eines Hemds oder Künstlerisches wie das besessene Fiedeln beim Tanz mit einer Geige ebenso geht wie um Leben und Tod, sind, in ihrer Rätselhaftigkeit und Fremdheit, unmittelbare Lebensäußerungen mit kulturellem oder ganz persönlichem Hintergrund. So entsteht das Bild einer Gemeinschaft, die sich durch das Erproben unterschiedlichster Möglichkeiten beständig verändert und neue Zugehörigkeiten eröffnet, und so ist diese Performance eine wunderschöne Liebeserklärung an Berlin.

Ursula Weigand, Der Neue Merker 11/2011

Ponifasio will das Einst und das Jetzt verbinden. Transformation gehört zu seinen Lieblingsworten. Eigentlich, so äußert er, habe er aber mehr die Zukunft im Blick, das erhoffte Miteinander. … Gemessenen Schrittes und mit starren Gesichtern schreiten 20 Frauen und Männer, streng schwarz-weiß gekleidet, durch den Saal auf die Bühne. Sie gehen weiter und weiter, entledigen sich allmählich ihrer Oberteile und trageri im Halbdunkel nackte Haut. […]
Anfangs hat ein junger Mann „I am Angelo“ auf eine Tafel geschrieben, doch engelsgleich ist zumeist nur das Singen des bulgarischen Frauenchors. Den Gegenpol bildet ein irrwitzig Geigender. Zu seinen schrillen Klängen gesellen sich archaische, bis zur Schmerzgrenze anschwellende Gesänge. Das Publikum applaudiert. […] Ein Abend zum Nachsinnen. Großer Beifall belohnt die Darsteller.


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