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Pressestimmen Continu

Vorstellungen bei spielzeit’europa 11|12: 18. bis 21. November 2011

Sandra Luzina, Der Tagesspiegel, 13. November 2010

Frauen auf Hetzjagd
Sasha Waltz eröffnet die »Spielzeit Europa«
Die Deutschlandpremiere im angenehm renovierten Haus der Berliner Festspiele beginnt mit einem weißen Teil, an den sich ein schwarzer Block anschließt: kreative Energien und destruktive Impulse, aus diesem Antagonismus entsteht die Choreografie. […] Im ersten Teil, in dem Sasha Waltz abstrakt bleibt, sind meisterhafte Szenen zu erleben. Wunderbare Duette und Trios. Die Gruppe in ihren weißen und erdfarbenen Gewändern hat nichts Bedrohliches, der Einzelne ist eingebunden in eine organische Bewegung, ein Fließen, Entfalten und Emporwachsen.
Ganz auf die Dynamik der Gruppe konzentriert sich Sasha Waltz in der zweiten Hälfte. Für die 25 Tänzer auf der schwarz-metallischen Bühne gibt es kein Entrinnen, sie sind einander ausgeliefert. Angestachelt von Edgar Varèses Orchesterwerk »Arcana« mit seinem riesigen Schlagwerk tanzen sich die schwarzen Gestalten in Raserei. Die Männer werden eingekreist von den unbändigen Frauen, ein unstillbares Begehren treibt sie an. Die Hetzjagden und wütenden Vereinigungen der Männer und Frauen erinnern an Strawinskys »Sacre du Printemps« und auch an Waltz’ eigenes Werk »Jagden und Formen«. Das entfesselte Treiben lässt den Zuschauer atemlos zurück, doch es ist ein wenig befremdlich, wie hier die chorischen Tänze des deutschen Expressionismus eine Wiedergeburt erleben.

Frank Schmid, rbb Kulturradio, 12. November 2010

spielzeit’europa: »Continu«
Der expressionistische Tanz, zeitlich ja passend zur Varese-Musik, der Befreiungsakt des Ausdruckstanzes vom Repertoire des Klassischen Balletts, wird hier aufgegriffen und neu formuliert. Hier kommt zum Expressionismus noch die zeitgenössische Idee von der Zersplitterung des Körpers und der Identität hinzu: die Tänzer fassen sich ins Gesicht, an die Brust, als müssten sie sich überzeugen, dass sie selbst und ihr Gegenüber keine Einbildung, keine Illusion sind. Arme und Beine scheinen vom Körper weggesprengt zu werden, eine feste Körperachse scheint es nicht mehr zu geben, der Rumpf schlingert, der Körper trudelt.
Die Technik des Zusammenballens von vielen Körpern zu einer amorphen Masse, zu einem Schwarm, aus dem sich kleinere Gruppen oder einzelne Tänzer oder Duos und Trios herauslösen, um irgendwann wieder in der großen Masse aufzugehen – diese Technik hat Sasha Waltz schon wiederholt souverän angewendet. Hier sind die Übergänge wegen der synchronen Bewegungen noch fließender gestaltet, die Ballungen entstehen aus Kreisläufen, Diagonalen oder Reihen oder aus scheinbar chaotischen Körper-Knäueln. Faszinierenderweise ereignet sich all dies im Einklang mit den Klang-Gewittern von Edgar Varese, ein Einklang in der Dramatik, der ekstatischer Überhöhung und der klagevollen Leere in der Stille. […]
Sasha Waltz hat einmal mehr ausgehend von Bisherigem etwas radikal Neues gewagt, das ist ja ihre Kontinuität: die ständige Neuerfindung ihrer selbst als Künstlerin.

Andreas Montag, Mitteldeutsche Zeitung, 14. November 2010

Die Geschichte des Lebens in knapp zwei Stunden
Die Berliner Kulturszene summt und brummt vor der Premiere (der ersten von vier ausverkauften Vorstellungen) im Foyer wie ein Bienenschwarm: Das ist das Mindeste, was man erwarten kann, wenn Sasha Waltz wieder einmal Hof hält in Deutschland. Am Donnerstag hat die international gefeierte Regisseurin und Choreografin im Haus der Berliner Festspiele zum Auftakt des Festivals »SpielzeitEuropa« ihre neue Produktion »Continu« vorgestellt.
Ein Ereignis von Rang, war anzunehmen. Und das ist es auch gewesen. Dieses Stück, aufgeführt von 24 Tänzerinnen und Tänzern, ist nicht weniger als eine Universalgeschichte des Lebens – mit Bildern von archaischer Wucht wie leiser Komik, zu Tränen rührender Schönheit und elementarer Kraft.

Elisabeth Nehring, Deutschlandradio Kultur, 11. November 2010

Gespür für Körper, Raum und Atmosphäre
In »Continu« zeigt sich sowohl Stärke als auch Schwäche der Sasha Waltz. Rein choreografisch gibt es, neben starken Gruppen- oder Solo-Szenen, zahlreiche belanglose, zum Teil formalistische Momente […]. Doch alles Formalästhetische – wie sie die Tänzer auf die Bühne bringt, wie sie die einzelnen Gruppen beleuchten oder wegdimmen lässt, wie die Linien der Arme, aber auch der Kleidersäume verlaufen, welche Texturen und Materialien hier benutzt werden, das Gespür für Körper, Licht, Raum, Atmosphäre – das ist in der Gesamtheit der Details unnachahmlich und spricht von großer Feinheit.

Lilo Weber, tanz, November 2010

Der schwarze Raum hat keine Tür, keiner kommt und geht. Der einzige Ausgang ist der Weggang von der Gruppe, und der scheint unmöglich. Also kleben sie zusammen, verschieben sich als Cluster oder als Kette. Wer aus der Mitte entweicht, auf das er mal einige Runden für sich drehe, wird wieder einverleibt. Die Hölle, das sind auch hier die anderen. Nie ist klar, was überwiegt: Klaustrophobie oder Verlassenheitsangst. […]
Beeindruckend, wie Sasha Waltz den leeren Raum mit ständig sich verändernden Gruppen von Körpern strukturiert. Von Weitem betrachtet, wirkt »Continu« wie ein aus den Fugen geratenes Kaleidoskop, mit Steinformationen, die ein dunkles Eigenleben entwickelt haben. […]
Sasha Waltz hat zum Teil auf das Bewegungsmaterial des expressionistisch gefärbten Tanzes zurückgegriffen. Im Neuen Museum mochte derlei gut aussehen, zumal das Publikum sich ebenfalls bewegte und so der Tanz noch flüchtiger wurde. Hier aber wirken die Bewegungen vordergründig, zeichenhaft – eben pathetisch. Aufregend ist indes, wie Sasha Waltz diese eben noch altmodisch erscheinenden Bewegungen in ein größeres Muster überführt. Und so das Expressive abstrahiert.

Grete Götze, Frankfurter Rundschau, 13./14. November 2010

Helle Bilder, düstere Gesten
Sasha Waltz’ Tanztheater »Continu« im Haus der Berliner Festspiele
Mit »Continu« kehrt die Tochter eines Architekten und einer Galeristin, einst wegen ihrer komischen Beschreibungen menschlichen Alltags bekannt geworden, mit großformatigen Museumsgesten zurück ins Theater. Und macht klar, indem sie 24 Tänzer in die 144 schwarze Rechtecke umfassende Black-Box-Bühne einsperrt, dass sie mehr Platz und eine neue Spielstätte in Berlin fordert. Dabei überzeugen bei der Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich und den Zürcher Festspielen eher die kleinen, genauen Beobachtungen im hellen Teil des Abends als die üppigen Kollektivszenen in voller Besetzung. Ähnlich ergeht es einem mit der pompösen Musik, die durch eindrückliche, nur vom Atem der Tänzer begleitete Pausen konterkariert wird.

Manuel Brug, tip, 11. November 2010

Berlins Kultur-Exportartikel Nummer eins
Vor zwölf Jahren stand die jetzt 47-jährige Sasha Waltz noch in unaufgeregtem Berlin-Mitte-Schick mit Turnschuhen in den abblätternden Sophiensaelen. Seither ist viel passiert. Sie wurde weltweit zur deutschen Kulturbotschafterin, sie hat die Schaubühne mitregiert und sich mit ihrer multinationalen Truppe Sasha Waltz & Guests immer neue, größere Räume tanzend erobert. Gemeinsam mit Jochen Sandig und Folkert Uhde hat sie das Radialsystem eröffnet, leere Museen in Berlin und Rom bespielt und sich der Oper angenähert. […]
Sasha Waltz ist Berlins Exportartikel Nummer eins in Bewegung. Jede spektakuläre Architekturneueröffnung will sie als Einspielerin haben, jedes große Festival buhlt um sie, die Opernhäuser bieten ihr einen Wagner nach dem anderen an. Sie wird im Mai 2010 in Brüssel »Matsukaze«, die neue Oper von Toshio Hosokawa uraufführen. […]
In der großen Welt aber ist Sasha Waltz gefragt, nicht zuletzt, weil sie über ein vielgestaltiges Repertoire verfügt, weil sie es geschafft hat, eine wunderbare Tänzertruppe zu entwickeln und zu erhalten. Trotzdem muss sie um jeden Euro Subvention kämpfen. Ihre Compagnie bekommt eine nicht allzu üppige finanzielle Grundausstattung von der Stadt und vom Hauptstadtkulturfonds des Bundes. Die Berliner Festspiele kooperieren mit ihr auf regelmäßiger Basis im Rahmen der Spielzeit Europa. Nach diversen Wiederaufnahmen kommt es dort bei der Spielzeit Europa jetzt mit dem Gastspiel »Continu« zur ersten Novität.
[…] Meist begreift Waltz ihre Menschenmasse als präzise zu formende Skulptur, die schwarmhaft diffundiert, sich ballt, losrennt und stoppt. Gesichter und Hände zucken hervor, die stampfenden Rhythmen von Edgar Varese lassen das fast wie einen wilden »Sacre du Printemps« ohne Strawinsky-Musik erscheinen. Groß ist die Waltz-Kunst, die Menge immer neu zu wandeln, staunenswert die Präsenz ihrer Tänzer. Bis sie einer am Ende symbolhaft mit der zur Pistole geformten Hand einzeln erschießt.


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