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Via Intolleranza II

Festspielhaus Afrika gGmbH / Kampnagel, Hamburg / Kunstenfestivaldesarts, Brüssel / Bayerische Staatsoper, München
Ein Projekt von Christoph Schlingensief
In Kooperation mit Burgtheater Wien, Impulstanz und Wiener Festwochen.

Konzept und Regie Christoph Schlingensief
Bühne Thekla von Mülheim, Christian Schlechter
Kostüme Aino Laberenz
Licht Voxi Bärenklau, Michael Dietze
Video Meika Dresenkamp
Musik und Dirigat Arno Waschk
Sound Design David Gierth
Dramaturgie Anna Heesen, Carl Hegemann

Mit
Brigitte Cuvelier, Kerstin Graßmann, „Kandy“ Mamounata Guira, Friederike Harmsen, Claudia Sgarbi, Olivia Stahn, Isabelle Tassembedo, Jean Marie Gomzoubou Boucoungou, Jean Chaize, Issoufou Kienou, Stefan Kolosko, Amado Komi, Johannes Lauer, Ahmed Soura, Nicolas Ulrich Severin Tounga, Abdoul Kader Traore, Arno Waschk, Wilfried Zoungrana

Uraufführung 15. Mai 2010, Kunstenfestivaldesarts, Brüssel
Dauer ca. 1h 30, keine Pause

Publikumsgespräch
Mo 23. Mai 22:00
Moderation Tobi Müller

Schon wieder so eine komische Kunstaktion

Von den vielen wahnwitzigen Projekten des Christoph Schlingensief ist sein afrikanisches Operndorf vermutlich eins der aberwitzigsten. Was soll ein wagnerianisch inspiriertes Bayreuth in Burkina Faso? Ein größenwahnsinnig gutgemeintes Kolonialabenteuer, das afrikanischen Jugendlichen die Gesamtkunstwerks-Visionen eines mythentrunkenen Spätromantikers nahebringen soll? Oder vielleicht gar ein letztes Denkmal des rasenden Performance-Künstlers für sich selbst, mit in den Grundstein eingemauerten Kinderfilmen von Klein-Christoph? Und was erwarten sich die zukünftigen Schüler und Stipendiaten wohl von dem ganzen Unternehmen? Einen Crash-Kurs für eine Karriere auf europäischen Kunstfestivals? Oder die Casting-Show für einen lukrativen Plattenvertrag inklusive Flugticket nach London, Berlin oder New York?
Christoph Schlingensief hatte immer ein feines Gespür für verdeckte Konflikte, die in seinen besten Projekten schließlich aufplatzten wie Eiterbeulen. In „Via Intolleranza II“ nimmt er sich einen der unlösbarsten und zukunftsträchtigsten vor: den zwischen Erster und Dritter Welt.
In der nur entfernt anklingenden Erzählfolie – Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ – sind die moralischen Frontverläufe noch klar und übersichtlich. Davon kann in postkolonialen Zeiten keine Rede mehr sein. Wie kann man trotz bester Absichten helfen, ohne zu manipulieren? Was hat die europäische Kultur den afrikanischen Bewohnern – außer Geld, an dem es Schlingensief selbst mangelt – mit- und beizubringen?
Die Dilemmata sind nicht aufzulösen, und genau davon erzählt „Via Intolleranza II“. Schlingensief hat sich in seinen Arbeiten seit je weniger für Lösungen interessiert als dafür, die Widersprüche möglichst gordisch zu verschlingen und sich gegenseitig niederringen zu lassen. Moralische Kippfiguren und ästhetische Borderline-Unternehmen säumen seinen Weg. Andererseits hat er sich von fehlenden Lösungen nie abhalten lassen, sich in ausweglose Situationen zu begeben, selbstverständlich unter hochprozentiger Selbstbeteiligung.
Die vorerst letzte Vorstellung von „Via Intolleranza II“ in München fand schon ohne ihn statt, und sie hat gezeigt: Auch wenn Schlingensief nicht selbst auftritt, ist er hundertprozentig anwesend. Am Ende sitzt das Schlingensief-Double hinter einer Scheibe, klopft vorsichtig ans Glas und stellt die gute alte Vergeblichkeitsfrage aller Kunst-Kasper: „Schon wieder so eine komische Kunstaktion. Ist da wer?“
Franz Wille