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Testament

Hebbel am Ufer, Berlin / Kampnagel, Hamburg / FFT, Düsseldorf
Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear
von She She Pop

Konzept She She Pop
Bühne She She Pop und Sandra Fox
Kostüme Lea Søvsø
Musik Christopher Uhe
Dokumentation Bianca Schemel
Lichtdesign Sven Nichterlein

Von und mit
Sebastian und Joachim Bark
Johanna Freiburg
Fanni und Peter Halmburger
Mieke und Manfred Matzke
Lisa Lucassen
Ilia und Theo Papatheodorou
Berit Stumpf

Uraufführung 25. Februar 2010, Hebbel am Ufer / HAU 2
Dauer ca. 2h, keine Pause
Mit englischen Übertiteln

Publikumsgespräch
Mi 11. Mai 22:30
Moderation Barbara Burckhardt

Ohne doppelten Boden

William Shakespeare mutet seinem greisen Dramenhelden Lear gleich zu Beginn eine herbe Enttäuschung zu. Kaum hat der Monarch sich aus dem Regierungsgeschäft zurückgezogen und das Reich unter seinen Töchtern aufgeteilt, muss er feststellen: Die erhoffte ideelle Gegenleistung bleibt aus. Die Töchter scheinen ihn für seine materielle Großzügigkeit nicht angemessen zurückzulieben.
In diesem dramatischen Konflikt finden die PerformerInnen der freien Gruppe She She Pop die ideale Folie, um ihre persönlichen Generationenverträge zu verhandeln. Gemeinsam mit ihren realen Vätern stehen sie auf der Bühne und schlagen in einem außergewöhnlichen Stück Dokumentartheater komplexe Bögen zwischen Shakespeares Drama und ihren eigenen Familiengeschichten, zwischen Alltag und Tragödienkunst, Partikularem und Universellem, Konzept- und Identifikationstheater.
Kinderlose PerformerInnen denken zum Beispiel offen über Ausgleichszahlungen für die Stunden nach, die ihre Väter – auf dem Arbeitsmarkt entsprechend hoch dotierte Akademiker – in Hausaufgabenhilfe und Fahrradreparatur der Nichten und Neffen stecken. Und natürlich dauert es nicht lange, bis in dieser klugen Performance auch das Verhandlungsmedium selbst zum Thema wird: Die Auffassungen von „Theater“ – mithin davon, wie eine gelungene „Lear“-Vorstellung im 21. Jahrhundert auszusehen hat – klaffen erwartungsgemäß weit auseinander. In einer der berührendsten Szenen des Abends erzählt ein Vater von den Schamgefühlen, die sich partout nicht niederkämpfen ließen, als er seiner Tochter erstmals bei ihrer Berufsausübung als Performerin zusah. So konkret und frei von Koketterie hat das Theater lange nicht über sich selbst reflektiert.
Überhaupt wird „Testament“ trotz aller programmatischen Privatheit nie zur Nabelschau. Denn She She Pop bleiben mit ihrer Übermalung sehr nahe am Shakespeare-Text: Jeder einzelne Punkt ihrer dokumentarischen Verhandlungsmasse wird konsequent aus der „Lear“-Tragödie hergeleitet und bekommt dadurch überindividuellen Charakter.
Nicht zuletzt gehen She She Pop und ihre Väter mit „Testament“ ein Wagnis ein, das – allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz – in dieser Konsequenz Seltenheitswert besitzt auf dem Theater: Sie stellen sich höchstselbst zur Debatte, leibhaftig und ohne doppelten Boden.
Christine Wahl