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Tod eines Handlungsreisenden

Schauspielhaus Zürich
von Arthur Miller
Deutsch von Katrin Janecke

Regie Stefan Pucher
Bühne Stéphane Laimé
Kostüme Marysol del Castillo
Musik Christopher Uhe
Video Sebastian Pircher (impulskontrolle)
Licht Markus Keusch
Dramaturgie Katja Hagedorn

Robert Hunger-Bühler Willy Loman
Friederike Wagner Linda
Sean McDonagh Biff
Jan Bluthardt Happy
Jonas Gygax Bernard
Michaela Steiger Die Frau
Siggi Schwientek Charley
Markus Scheumann Ben
Julia Kreusch Miss Howard
sowie Larissa Eichin, Jasmin Friedrich, Olivier Tobler

Premiere 17. September 2010, Schiffbau/Halle
Dauer ca. 3h, eine Pause

Publikumsgespräch
Do 19. Mai 22:30
Moderation Tobi Müller

Von Freiheit kann nicht die Rede sein

Nicht gerade selten taucht Millers pulitzerpreisgekröntes Drama in den Spielplänen der deutschsprachigen Theaterlandschaft auf; aber anders als viele Inszenierungen der letzten Jahre stellt Regisseur Stefan Pucher keinen offensichtlichen Aktualitätsbezug her. In weit entfernter Vergangenheit spielt diese Geschichte von Willy Lomans Versagen, fest verankert in ihrer Entstehungszeit.
Die ganze Breite der Bühne nimmt so das fantastische Bühnenbild von Stéphane Laimé ein. In einer schmucken Reihe entfaltet sich der Kosmos des amerikanischen Traums der fünfziger Jahre: schicke Küche, Living Room, Schlafzimmer etc. pp. Die Räume glänzen verführerisch in ihrer höllischen Schönheit. Schließlich gilt in der amerikanischen Vorstadt: Jeder kann es schaffen. Aber auch: Jeder muss es schaffen. Sonst kann er sich den Traum nicht mehr leisten.
Loman scheitert in diesem Traum, und Pucher erzählt das ganz abgeklärt. Auf der Bühne wiederholen Loman und Söhne das Mantra des Kapitalismus mit der Distanz von heute. Schließlich hat die Menschheit in den sechzig Jahren seit der Entstehung des Dramas schon einige Systemkrisen erlebt. Kameras übertragen die Handlung auf Leinwände, Großaufnahmen rücken sie nah ans Publikum und wirken gleichzeitig distanzierend.
Die Spielweise des hervorragenden Züricher Ensembles unterstützt den schwebenden Effekt. Mit historischer Distanz spielt Robert Hunger-Bühler den strauchelnden Willy Loman, Friederike Wagner ist als Ehefrau Linda ein in allen Lebensstürmen akkurat frisierter blonder Traum, und auch Jan Bluthardts Happy und Sean McDonaghs Biff tragen ihr Dasein als Sohnemänner deutlich vor sich her. Gefühle lassen alle erst gegen Ende der drei Stunden zu, aber dann sind es die ganz großen. Nach Willy Lomans Tod versammeln sich die Schauspieler als Band auf der Bühne, Robert Hunger-Bühler singt als Requiem den todtraurigen Song „I’m Set Free“ von Velvet Underground. Im Publikum werden die Taschentücher gezückt und alle wissen: Der amerikanische Traum und seine furchtbaren Versprechen, dass jeder es schaffen kann – und schaffen muss –, sind längst nicht vorbei. Arthur Millers Versagergeschichte aus den fünfziger Jahren hat verteufelt viel mit uns zu tun. Von Freiheit kann also nicht die Rede sein.
Ellinor Landmann