| aktuelle Website | Impressum | Sitemap | mobil     || English
| Home | Theatertreffen | Programm | 10 Inszenierungen
| Programm
| 10 Inszenierungen
Öffnet die Druckansicht in einem neuen Fenster

Die Beteiligten

Burgtheater, Wien
von Kathrin Röggla

Regie Stefan Bachmann
Bühne Jörg Kiefel
Kostüme Esther Geremus
Licht Felix Dreyer
Sound und Video Philipp Haupt
Dramaturgie Barbara Sommer

Jörg Ratjen Der Quasifreund
Peter Knaack Der Möchtegern-Journalist
Alexandra Henkel Die Pseudopsychologin
Barbara Petritsch Die Irgendwie-Nachbarin
Katharina Schmalenberg Die „optimale“ 14-Jährige
Simon Kirsch Das gefallene Nachwuchstalent

Premiere 16. Oktober 2010, Akademietheater
Dauer ca. 1h 45, keine Pause

Publikumsgespräch
Mi 18. Mai 22:15
Moderation Tobi Müller

Ranschmeißen, Vereinnahmen, Einverleiben oder
Das zweite Verschwinden der Natascha Kampusch

Kein Märchen. Ein kleines Mädchen verschwindet, entkommt nach acht Jahren ihrem Entführer, begibt sich in die Medien und kommt nicht darin um. Natascha Kampusch will nicht wieder Opfer sein, will die Deutungshoheit behalten über ihr Schicksal: die größtmögliche Untat im Medienzeitalter. Darüber hat die österreichische Autorin Kathrin Röggla ein geniales Stück geschrieben.
Sechs angeblich Beteiligte – die Irgendwie-Nachbarin, der Quasifreund, die Pseudopsychologin und mehr – legen los mit ihren Vorurteilen, aber so als würde Kampusch sie wiederholen. Verfremdung total. Die Hauptperson bleibt unsichtbar, redet mit fremden Zungen in fremder Gestalt. Doppelte Spiegelung, durchgängig indirekte Rede, diese Anstrengung ist dem Zuschauer zumutbar. Die Form entspricht dem Inhalt entspricht der Aussage. Natascha Kampuschs Verschwinden, die zweite. Diesmal ist es nicht ein gestörter Mann, der eine Zehnjährige in seine Gewalt zwingt und sie 3065 Tage gefangen hält. Diesmal sind es die angeblich Beteiligten, die Natascha Kampusch Gewalt antun und zum Verschwinden bringen.
Die Beteiligten, im Profil zum Publikum, recken, drängeln sich vor die Linse einer Kamera, frontal erscheint ihr überlebensgroßes Bild. Die doppelte Perspektive, das Verhältnis von Realität und Abbildung, der kleine Mensch und seine mediale Vergrößerung. Nach Ranschmeißen folgt Vereinnahmen, Einverleiben. Alle Sechs erscheinen im Kampusch-Outfit mit Perücke und lila Kopftuch. Selten haben Vampire harmloser ausgesehen. Die Inszenierung von Regisseur Stefan Bachmann macht gerade das Plakative sinnlich, sinnfällig, zum Auslöser vielschichtiger Assoziationen. Bachmann schafft Bilder, die verdeutlichen, erschrecken, den Zuschauer mit einbeziehen, gnadenlos. Aus dem Fall Kampusch wird der Fall Österreich, wird der Fall Mediengesellschaft, eine bitterkomische, bitterböse Hetzjagd. Mit Anreicherungen wie Falcos umstrittenem Lied „Jeanny“ und natürlich Rotkäppchen sowie in der Mischung mit Kampuschs als Buch veröffentlichen Erinnerungen gelingt die größtmögliche Annäherung an das Unfassbare.
Wie um ein Lagerfeuer sitzen die Beteiligten vorm Fernseher und speien sie aus, ihre Gier, ihren Hass, hecheln synchron zur stummen Hatz bedrohlicher Affenmenschen auf großer Leinwand. Ein archaisches Bild im zeitgenössischen Medium. Steinzeit, das ist heute. Sie verfolgen, bekämpfen, töten und begraben schließlich die Kampusch unter ihren enttäuschten Erwartungen. Und blamieren sich bis auf die Knochen, wenn sie am Ende nackt die Sau rauslassen. Wir sehen zu – und sind beteiligt.
Ulrike Kahle-Steinweh