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Nora oder Ein Puppenhaus

Theater Oberhausen
von Henrik Ibsen
Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel

Regie und Bühne Herbert Fritsch
Kostüme Victoria Behr
Musik Otto Beatus
Dramaturgie Tilman Raabke

Manja Kuhl Nora
Nora Buzalka Frau Linde
Torsten Bauer Helmer
Henry Meyer Doktor Krank
Jürgen Sarkiss Rechtsanwalt Krogstad

Premiere 29. Oktober 2010
Dauer ca. 1h 45, keine Pause

Publikumsgespräch
Mo 16. Mai 22:15
Moderation Barbara Burckhardt

Postfeministisches Horrorkabinett

Zwar ist Henrik Ibsens „Nora“ inzwischen stolze 132 Jahre alt. Dennoch gilt das Drama bis heute als Emanzipationsklassiker par excellence. In einer der bemerkenswertesten Inszenierungen der letzten Jahre – Thomas Ostermeiers zum Theatertreffen 2003 eingeladener Ibsen-Vergegenwärtigung – schießt sich die Protagonistin nach intensiv durchlittener Ehehölle final ihren Weg in die Selbstverwirklichung frei.
Der ehemalige Volksbühnen-Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch nähert sich Henrik Ibsens „Puppenhaus“ nun aus einer gänzlich anderen, einer, wenn man so will, postfeministischen Perspektive. Weder buchstabiert er psychologisch die Szenen einer Ehe durch, noch appelliert er frauenverstehend an Noras Selbstbefreiungstrieb oder spendiert ihr gar eine Emanzipationsgeschichte. All das hat die Nora des 21. Jahrhunderts an der Oberfläche des gesellschaftlichen Diskurses schließlich längst hinter sich.
Herbert Fritsch gräbt also ein paar Bewusstseinsschichten tiefer und landet in den vergleichsweise zeitlosen Abgründen des (Alb-)Traums. Er entwindet das Ibsen’sche „Puppenhaus“ jedwedem Naturalismus oder gar tagesaktuellen Realismus und siedelt es konsequent im Horrorkabinett der frei schwebenden sexuellen Begierden an. Entsprechend grell und übersexualisiert ist der Albdruck, der sich auf der lediglich mit einem Leuchtweihnachtsbaum ausgestatteten Bühne abspielt: Als bleiche Nosferatu-Wiedergänger mit schütterem Langhaar und zittrigen Altmänner-Händen machen sich die Helmers, Krogstads und Ranks in diesem streng formalen Zugriff an Noras Babydoll-Kleidchen zu schaffen. Noras Jugendfreundin Frau Linde tritt aus der Tiefe des Raums auf wie „Marnie“ in Alfred Hitchcocks gleichnamigem Thriller. Und die dem unverbrämten Materialismus gegenüber durchaus aufgeschlossene Nora selbst – großartig gespielt von Manja Kuhl – lässt in ihrer sexy Mischung aus Kindfrau, Primaballerina und Pumuckl die übergriffigen Avancen mit einer Art beiläufiger Einsicht in die (finanzielle) Notwendigkeit an sich abperlen.
Ein Entrinnen gibt es natürlich für niemanden aus dieser herrlich bösartigen Sinfonie des Grauens. So liefert Herbert Fritsch nicht nur eine außergewöhnlich originelle „Nora“-Interpretation, sondern zugleich einen so unangestrengten wie klarsichtigen Meta-Kommentar zur Ibsen-Rezeption und nicht zuletzt zur – mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder aufflammenden – Gender-Debatte.
Christine Wahl