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Don Carlos

Staatsschauspiel Dresden
Ein dramatisches Gedicht von Friedrich Schiller

Regie Roger Vontobel
Bühne Magda Willi
Kostüme Dagmar Fabisch
Video und Musik Immanuel Heidrich
Licht Michael Gööck
Dramaturgie Robert Koall

Burghart Klaußner Philipp der II.
Sonja Beißwenger Elisabeth von Valois
Christian Friedel Don Carlos
Christine Hoppe Prinzessin von Eboli
Matthias Reichwald Marquis von Posa
Thomas Eisen Herzog von Alba
Christian Erdmann Domingo
Lore Stefanek Der Großinquisitor des Königreichs / Ein Page der Königin
Emma Jantschew / Anna-Lena Kral Infantin Clara Eugenia
Hans Diemer, Matthias Günther, Marcus Horn, Uwe Krauß, Michael Kuhl, Steffen Liebscher, Andreas-Christoph Müller, Peter Schwill, Stefan Tietz Bedienstete

Premiere 27. März 2010
Dauer ca. 3h 30, eine Pause
Mit englischen Übertiteln

Publikumsgespräch
Fr 13. Mai 23:00
Moderation Barbara Burckhardt

Endspiel der Ego-Shooter

Friedrich Schiller hat sich zeitlebens für die Freiheit und ihre Kosten interessiert. Für beides haben sich in den letzten 200 Jahren die Bedingungen deutlich verändert. Was verbindet die feudalen Herrschaftsverhältnisse am spanischen Hof mit denen einer liberalen Mediendemokratie?
„Don Carlos“ kreuzt ein Vater-Sohn-Drama im spanischen Herrscherhaus mit anderthalb Eifersuchtsmotiven, jede Liebesfinte bedeutet automatisch ein Stück Staatswohl oder -wehe – und umgekehrt. Genau hier setzt Roger Vontobel an: König Philipp ist bei Burghart Klaußner ein Unternehmens-Patriarch, der sein Unternehmen mit Umsicht führt, aber entschieden durchgreift, wenn ihm die Aktien aus dem Ruder laufen. Seinen Sohn (Christian Friedel) mag er im Prinzip ganz gern, wenn er im Vorstand nur nicht so peinlich emotional wäre. Als Gemahlin hält er sich eine dreißig Jahre jüngere Trophy-Woman, die im goldenen Käfig gehätschelt wird. Die angestellten Geschäftsführer für Krieg und Glauben, Alba (Thomas Eisen) und Domingo (Christian Erdmann), suchen verzweifelt die Sonne des Chefs und werden dafür wie Fußabtreter behandelt. Christine Hoppe zirkelt ihre Gräfin Eboli dazwischen, die beste Freundin der Frau des Hauses, die eine Leidenschaft für den Juniorchef hegt und sich fatalerweise in eine Affäre mit dem Alten stürzt. „Don Carlos“, ein mittelständischer Wirtschaftskrimi?
Alle Beteiligten nehmen das Politische zwar wichtig, aber vor allem als Stellvertreter-Kriegsschauplatz für ihre Egos und Amouren. Der interessanteste Fall heißt Marquis von Posa. Matthias Reichwald hat ihn sportlich, souverän und selbstgewiss eingerichtet („Ich bin mit mir zufrieden“), ganz der unabhängige Freiherr und -geist, den man zu einer politischen Karriere erst überreden muss. Kaum dort angekommen, brilliert er eloquent als Theoretiker der Freiheit und zeigt sich eitel genug, durch die plötzliche Gunst des Chefs mit allen spielen zu wollen, bis er ihnen jeden Rest Freiheit weginstrumentalisiert hat und schließlich über die eigenen Schlingen stolpert.
An solchem Personal dekliniert Roger Vontobel mit Schiller sein politisches Psychogramm der Gegenwart durch: Alle reden von Freiheit, unter der jeder vor allem die eigene versteht, die gerade deshalb ausweglos scheitert. Irgendwann sind die Interessenfelder im Ringelreihen der Intrigen so eng verzahnt, dass sich keiner mehr bewegen kann. Die selbstbewusst handelnden Individuen fesseln sich selbst – Endspiel der Ego-Shooter.
Franz Wille