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Verrücktes Blut

Ballhaus Naunynstraße, Berlin / Ruhrtriennale
von Nurkan Erpulat und Jens Hillje
Frei nach einem Motiv aus dem Film „Heute trage ich Rock“ von Jean-Paul Lilienfeld

Regie Nurkan Erpulat
Bühne und Kostüme Magda Willi
Licht Hans Leser
Musikalische Leitung Tobias Schwencke
Dramaturgie Jens Hillje

Mit
Sesede Terziyan und
Nora Rim Abdel-Maksoud, Erol Afşin, Emre Aksızoğlu, Tamer Arslan, Sohel Altan G., Rahel Johanna Jankowski, Gregor Löbel

Uraufführung 02. September 2010, Gebläsehalle, Duisburg
Premiere 09. September 2010, Ballhaus Naunynstraße, Berlin
Dauer ca. 1h 40, keine Pause
Mit englischen Übertiteln

Publikumsgespräch
Do 12. Mai 22:10
Moderation Barbara Burckhardt

Kreuzberger Sturm und Drang

Sie nennen sich selber Kanaken. Sie knutschen und sie schlagen sich, sie kratzen sich mitten im Unterricht an ihren Genitalien und spucken Rotz auf den Boden, und wenn ihnen einer blöd kommt oder um ein paar Sekunden Ruhe bittet, dann fragen sie: „Willst du sterben, oder was?“ Die Klasse aus sieben Türken- und Araberkindern, fünf Jungs und zwei Mädchen, die da auf einem Boxring-ähnlichen Bühnenpodest zur Theater-AG-Unterrichtsstunde zusammengekommen sind, ist ein übler Sauhaufen. Bis ihre Lehrerin eine Knarre in der Hand hält. So fordert sie plötzlich den Respekt ein, den ihre Schützlinge fortwährend großkotzig im Mund führen und niemals zeigen. Die Schauspielerin Sesede Terziyan spielt diese Lehrerin, eine noch junge und doch vom Frust schon gebeugte Frau. Sie will Friedrich Schillers Sturm-und-Drang-Stück „Die Räuber“ durchnehmen, um jeden Preis. Deshalb schießt sie einem ihrer renitenten Schüler ein Loch in die Hand.
„Verrücktes Blut“ ist eine Amok-Komödie vom Zusammenprall der Kulturen. Die Story des Stücks basiert auf einem französischen Film mit Isabelle Adjani aus dem Jahr 2007. Der Dramaturg Jens Hillje, früher mal einer der Chefs der Berliner Schaubühne, und der Regisseur Nurkan Erpulat haben daraus einen aberwitzigen Theaterspaß gemacht, ein well-made play voller überraschender Wendungen und greller Scherze. Hier wird Theater einmal als aktuelle politische Kunstform begriffen, als Abfolge von Befreiungsschlägen, die den Zuschauer zum Lachen bringen und ihm doch das eigene Denken nicht abnehmen wollen.
So verhandeln Erpulat und Hillje hier zum Beispiel den so genannten Ehrenmord aus verletzter männlicher Eitelkeit nicht am Beispiel durchgeknallter Muslime, sondern an dem des Heldenpaars Ferdinand und Luise in Schillers „Kabale und Liebe“. Die Pointe aber, auf die das ganze Stück hinausläuft, besteht darin, dass die Lehrerin den Weg der Aggression wählt, weil sie auf blutige Vergeltung für die Schandtaten ihres brutalsten Schülers aus ist, während die Jungs und Mädels ihrer Klasse plötzlich nach den Werten der Aufklärung kreischen und eine zweite Chance für den Schurken fordern. So praktiziert „Verrücktes Blut“ auf brutal komische Weise jene „ästhetische Erziehung“, die in der Theater-AG-Stunde ursprünglich auf dem Lehrplan stand. Die jungen Schauspieler des Kreuzberger Theaters Ballhaus Naunynstraße spielen das rasante Stück mit viel Kraft und Witz, besonders ergreifend aber ist es, wenn die pistolenschwingende Lehrkraft und ihre Geiseln zwischendurch gemeinsam teutonische Volkslieder anstimmen: Hymnen auf ein hitziges, manchmal brutales, hier aber herzerfrischend geistreiches Multikulti-Deutschland.
Wolfgang Höbel