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Der Kirschgarten

Schauspiel Köln
von Anton Tschechow
Deutsche Fassung von Elisabeth Plessen
nach einer Übersetzung von Ulrike Zemme

Regie Karin Henkel
Bühne Kathrin Frosch
Kostüme Nina von Mechow
Musik Cornelius Borgolte
Licht Hartmut Litzinger
Dramaturgie Rita Thiele

Lena Schwarz Ljubow Andrejewna Ranjewskaja
Marie Rosa Tietjen Anja
Lina Beckmann Warja
Matthias Bundschuh Leonid Andrejewitsch Gajew
Charly Hübner Jermolaj Alexejewitsch Lopachin
Jan-Peter Kampwirth Pjotr Sergejewitsch Trofimow
Michael Weber Boris Borissowitsch Simeonow-Pischtschik
Brigitte Cuvelier Charlotte
Yorck Dippe Semjon Pantelejewitsch Jepichodow
Laura Sundermann Dunjascha
Jean Chaize Firs
Maik Solbach Jascha

Musiker Henning Beckmann, Michael Lücker

Premiere 14. Januar 2011
Dauer ca. 2h, keine Pause
Mit englischen Übertiteln

Publikumsgespräch
Di 10. Mai 23:10
Moderation Barbara Burckhardt

Auf in ein neues Leben!

Was für ein Auftritt! Als wär sie eine Gauklertruppe, stürmt die Gesellschaft in Belle-Epoque-Kostümen, begleitet von Posaune und Schlagzeug, auf die leere, mit schwarzem Sand bedeckte Bühne. „Ich kann nicht stillstehen!“, ruft die mondäne Diva und wirbelt im Kreis. Ihr Bruder, mit groteskem Fluggeschirr und Sturmbrille, flattert dahin, als würde er gleich abheben. Die Gouvernante, offenkundig auch Artistin, springt in den Spagat. Erst ein traumverlorener, langer Kuss mit ihrem jungen Lover bringt die Diva zur Ruhe: Versunken kreisen die beiden auf der kleinen, lämpchengeschmückten Drehbühne.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich eine Aufführung des „Kirschgartens“ dem Diktum von Anton Tschechow stellt, er habe eine Farce, ein Vaudeville geschrieben; über die naturalistische Tragödie, die der Regisseur Stanislawski bei der Uraufführung 1904 in Moskau veranstaltete, war der Autor bekanntlich unglücklich. Doch selten ist das jemandem so illusionslos genau, so temperamentvoll und so musikalisch gelungen wie Karin Henkel und ihrem fabelhaften Kölner Ensemble.
Wenn die 40-jährige Theatermacherin in diesem Endspiel des russischen Adels den Zirkus evoziert, der keine vierte Wand kennt, verschmäht sie es doch keineswegs, den Figuren und ihren Geschichten zu ihrem Recht zu verhelfen. Im Gegenteil: Kaum etwas geht in diesen pausenlosen zwei Stunden verloren von den Sehnsüchten und den Liebeskatastrophen, von der Einsamkeit und der Trauer.
Was für eine dünnhäutige, narzisstische Kindfrau zwischen Lächeln und Tränen ist die Ranjewskaja der Lena Schwarz: Bankrott aufs heimatliche Landgut zurückgekehrt, in die hoffnungslose Affäre mit einem Domestiken verstrickt, stolpert sie gleich über den Grabhügel ihres Söhnchens, nach dessen Tod sie nach Paris floh.
Und was für ein schüchterner, ungelenker Riese ist der Geschäftsmann Lopachin des Charly Hübner: Er, der Nachfahre leibeigener Bauern, liebt die Ranjewskaja insgeheim seit Jugendtagen, und jetzt, nachdem er das Gut ersteigert hat und der neue Herr ist, wälzt er sich betrunken auf sie, die stumm und steif wie ein Puppe im Sand liegt.
Das Ende dieser verrutschten, depressiven Komödie gehört in Köln nicht dem alten Diener Firs. Es ist viel trauriger, schärfer: Statt wieder nach Paris abzureisen, stürmt die endgültig bankrotte Gesellschaft in einem Endlos-Loop immer wieder durch die Manege und ruft: „Auf in ein neues Leben!“ In diesem Selbstbetrug, in dieser Realitätsverleugnung ist sie uns sehr nah.
Andres Müry