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Der Biberpelz

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin
von Gerhart Hauptmann

Regie und Bühne Herbert Fritsch
Kostüme Bettina Lauer
Dramaturgie Ralph Reichel

Jakob Kraze Von Wehrhahn
Klaus Bieligk Krüger
Marcel Rodriguez Silvero Doktor Fleischer
Rüdiger Daas Motes
Lucie Teisingerova Frau Motes
Brigitte Peters Frau Wolff
Stéphane Maeder Julius Wolff
Sonja Isemer Leontine
Isa Weiß Adelheid
Andreas Lembcke Wulkow
Johann Zürner Glasenapp
Özgür Platte Mitteldorf
Ein Kind

Premiere 03. Juni 2010, E-Werk
Dauer ca. 1h 20, keine Pause
Mit englischen Übertiteln

Publikumsgespräch
So 15. Mai 18:00
Moderation Tobi Müller

Das Einmaleins der Bösartigkeit

Sie haben keine Wahl. Also lügen, betrügen und stehlen die kleinen Leute in Gerhart Hauptmanns Komödie „Der Biberpelz“ was das Zeug hält. Dabei beherrscht keine die Spielarten der Kriminalität so virtuos wie Hauptmanns Protagonistin Mutter Wolffen. Die resolute Wäscherin vertickt den gewilderten Rehbock ebenso erfolgreich wie den geraubten Biberpelz und das von der Straße gemopste Brennholz. Delinquenz macht Spaß, na klar. Doch darin erschöpft sich Gerhart Hauptmanns im Untertitel als „Diebeskomödie“ bezeichnetes Stück nicht. Ebenso klar ist: Nur delinquierend vermag Mutter Wolffen ihrer Sippe das Überleben zu sichern.
Wenn sich Herbert Fritsch dieses unverwüstliche Stück Komödie vornimmt, geht es ihm nicht darum, das gute Herz der kleinkriminellen Klientel unter Beweis zu stellen. Im Gegenteil – bei Fritsch verwandelt sich diese in ein Horrorkabinett. Das Schweriner Ensemble holt mit viel Lust das Schlimmste aus Hauptmanns Figuren: Unter den tausend Röcken von Brigitte Peters’ Mutter Wolffen scheint die schiere Bösartigkeit zu stecken, Vater Wolff (Stéphane Maeder) steht seiner Frau in nichts nach und rollt grobschlächtig die Augen, bis Tochter Adelheid (Isa Weiß) mal wieder ihr erschreckendes Zahnspangenlächeln blitzen lässt.
Auf virtuose Körperbeherrschung setzte Herbert Fritsch bereits als Schauspieler – etwa an Frank Castorfs Volksbühne. Auf Körperbeherrschung setzt er nun auch als Regisseur. In atemberaubender Geschwindigkeit zeigen die Schauspielerinnen und Schauspieler des Schweriner Ensembles exakte Slapsticks und exerzieren das Einmaleins der Bösartigkeit vor. Gleich zu Beginn des kurzen Theaterabends machen sie klar, wie hier der Hase läuft: Vor einer geblümten Tapetenwand finden alle zusammen und sprechen im Chor die erste Bühnenanweisung. Kurz darauf werden Bühnenanweisung und Blümchentapete gegen die Wand gefahren.
Dieser schnelle, überdrehte Theaterabend ist eine Kampfansage an den Naturalismus und an Autoritäten jedweder Art. Mit anarchischem Furor werden auch der Autor und die Staatsgewalt demontiert. „Zu Befehl, Herr Hauptmann!“, brüllen die Schauspielerinnen und Schauspieler gegen Ende und parodieren Unterwerfung. Dann formieren sie sich zur Polonaise, singen ein Shanty und nötigen das Publikum – immer wieder auf die Bühne zurückkehrend – zu lang anhaltendem Applaus. Den haben sie sich verdient mit einem der amüsantesten Theaterabende des Jahres.
Ellinor Landmann