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Das Werk / Im Bus / Ein Sturz

Schauspiel Köln
von Elfriede Jelinek

Regie Karin Beier
Bühne und Kostüme Johannes Schütz
Komposition und Musikalische Leitung Jörg Gollasch
Choreografie Valentí Rocamora i Torà
Licht Jürgen Kapitein
Dramaturgie Rita Thiele

Mit
Susanne Barth, Lina Beckmann, Rosemary Hardy, Thomas Loibl, Caroline Peters, Krzysztof Raczkowski, Laura Sundermann, Michael Weber, Kathrin Wehlisch, Julia Wieninger, Manfred Zapatka

Tänzer und Tänzerinnen
Hannes de Buhr, Theresa Hupp, Torsten Matzke, Eva Maurischat, Ursula Nill, So-Ra Park, Max Pothmann, Tim Servos, Verena Volland

Musiker und Musikerinnen
Silvia Bauer, Christoph Corazolla, Yuko Suzuki und
Chor der Zauberflöten e.V. (Köln)
Studenten der Musikhochschule u.a.
Dirigent und Choreinstudierung Carsten Wüster

Premiere/Uraufführung 29. Oktober 2010
Dauer ca. 3h 20, eine Pause

Publikumsgespräch
Sa 07. Mai 23:00
Moderation Barbara Burckhardt

Nature Strikes Back

In den Kapruner Alpen wird zwischen 1928 und 1955 ein Wasserkraftwerk ins Bergmassiv gezwungen: Nicht nur hunderte ausgehungerte und ausgebeutete Zwangsarbeiter während der Nazi-Zeit sterben dabei. In München kippt 1994 infolge von U-Bahn-Arbeiten ein Linienbus in einen jäh aufklaffenden Asphaltkrater: Zwei Fahrgäste und ein Bauarbeiter sterben dabei. In Köln krachen 2009 das Stadtarchiv und umliegende Gebäude in eine unterspülte U-Bahn-Baustelle: Zwei Anwohner sterben dabei. – Ein blutroter Faden aus menschlicher Hybris und Verantwortungslosigkeit verbindet die drei Katastrophenabhandlungen „Das Werk“, „Im Bus“ und „Ein Sturz“ von Elfriede Jelinek, die das Kölner Schauspiel intelligent kombiniert. Der Mensch im Kampf gegen Mutter Natur und Vater Rhein. Der Mensch, der Technikgott, der Allesbezwinger, der schließlich doch von Gesteinslawinen überrollt, von Erdspalten verschluckt, von Grundwasserfluten weggeschwemmt wird. Nature strikes back!
Der Mensch, der sich beschwert, der spottet, der ungläubig glotzt, der weint, der mit dem Finger auf andere zeigt: „Und wer ist schuld?!“, brüllt gegen Ende dieses sagenhaften Spektakels die Schauspielerin Julia Wieninger in das tosende Kölner Tollhaus. Kathartischer Höhepunkt einer apokalyptisch anschwellenden Abrechnung, für die Karin Beier kongenial alle elementaren Theaterkräfte entfesselt. Vom nonchalanten Conferenciermonolog bis zum perfekten chorischen Wortoratorium, wie man es seit Einar Schleef (dem Jelinek „Das Werk“ widmet) nicht erlebt hat. Vom poetischen Sittenbild sinnfrei werkelnder Fortschrittsgläubiger bis zur rotzigen Totengräber-Persiflage frei nach Shakespeare. Vom geradezu körperlich erschütternden Bergwerks- und Betonbohrerkonzert bis zur bitterbösen karnevalistischen Kabarettsause, die mit Original-Tönen des blamablen Oberbürgermeisters angereichert wird – zur Begeisterung des Publikums.
Das ist Stadttheater im besten Sinn des Wortes. Das Duo Jelinek und Beier überführt die fatalen Unzulänglichkeiten der Kölner Lokalpolitik in tragikomische Allgemeingültigkeit und die Wut der Bürger in ganzheitliche, geradezu mythologische Weltzusammenhänge: „Unser Wille geschehe, im Himmel wie auf Erden, also auch im Wasser.“ Jelineks zynischer Abriss der Zivilisationsgeschichte vollzieht sich in einem kunsthistorischen Stil-Steinbruch von antiker Tragödie bis zu akrobatischem Pas de deux der Elemente Wasser und Erde, die sich leibhaftig vereinen und die Bühnenwelt mit Brackwasser fluten. Eine Theaterwucht – überwältigend.
Vasco Boenisch