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Workshop 4 – Theater und Raum

Entfesselte Welten – gefesselte Körper

Geleitet von Thomas Goerge, Goldach

Thomas Goerge gestaltet Räume in den verschiedensten Kontexten und Kunstgattungen. Er realisiert Installationen im öffentlichen Raum und schafft für das Theater Bühnenbilder, die u.a. auch Zuschauerraum waren. In Jan Neumanns "Fundament" saß beispielsweise das Publikum auf der Drehbühne, die mit Tüchern verhängt war. Zu Beginn des Abends im Kreis gedreht, verloren sich für die Zuschauer alle festen Punkte im Raum ähnlich wie bei dem Kinderspiel Blinde Kuh. Dann erst konnten sie die Darsteller verfolgen, die in allen Winkeln des Theaters spielten, auf der Bühne, dem eigentlichen Zuschauerraum und selbst im Schnürboden. Für ein Sommerfestival in alten herrschaftlichen Gärten entwarf Goerge die begehbare Installation „Caprificus“ in Form einer riesigen Feige. Die Besucher konnten eintreten und fanden sich in einem multimedialen Laboratorium wieder. Goerges künstlerisches Motiv, Räume als begehbare Körper zu konstruieren, eröffnet mehrere Perspektiven. Zum einen die Einsicht in einen Raum der (Re-) Präsentation von Ideen, Geschichten und Zeugnissen, zum anderen die konkret sinnliche Erfahrung des Einverleibens, die man als Eindringling macht: so, wie die in die Feige eindringende Wespe sich verändert (wächst, sich fortpflanzt, stirbt) ändert sich zumindest die Wahrnehmung der Besucher. Auch in seiner Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief entstanden überdimensionierte Körper als Bühnenräume, die Darsteller wie Zuschauer einschlossen. Für „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ baute Thomas Goerge die Kirche aus Schlingensiefs Kindheit nach. Mit vermeintlich einfachsten Mitteln unterstrich die Rekonstruktion des Kirchenschiffes aus Holzlatten, Stoffen, Podesten und originalen Kirchenbänken immer auch sein Gemachtsein. Auch in der als Aktionsoper geplanten „Metanoia“, der letzten – postum halb szenisch – aufgeführten Arbeit mit Christoph Schlingensief, erschienen alle verwendeten Materialien wie für eine gewaltige 3-D Bühnencollage zusammengesetzt, die an einen überdimensionierten Körper erinnerte. Für das Operndorf in Burkina Faso, das er ebenfalls zusammen mit Christoph Schlingensief und vielen weiteren entwickelte und weiterhin plant, entstehen Räume, die weit über die Kunst hinaus ragen: Räume für den Alltag der Menschen vor Ort. Es soll „wachsen wie der menschliche Organismus, langsam und organisch.“ Ähnlich wie Schlingensief seine Arbeiten prozesshaft aufeinander beziehen ließ, recycelt Goerge Materialien, Baustoffe oder Möbel für sich ständig wandelnde Bezugsräume. Räume sind für ihn wie Körper, die lebend sich verändern, selbst nach dem biologischen Tod, wenn sie in sich zerfallen.

Zu seinem Workshop notiert er:

In einer neuen Arbeit von mir sind auch die vorangegangenen enthalten. Sie werden befruchtet und metaphorisieren weiter. Gegenwärtig plane ich zusammen mit Gerhard Schebler eine weitere Installation für die Kunstfestspiele in Hannover-Herrenhausen. Im Sommer 2011 werden die Zuschauer in der barocken Gartenanlage ein so genanntes „theatrum mundi“ betreten. Zuvor müssen sie unsere Installation „Little Boy“ in Form eines Flugzeuges durchqueren. Sie könnte auch eine weitere Art Feigenwespe sein, ein Körper aus Containern und eine globalisierte Fortführung der Installation „Caprificus“ des letzten Sommers. Das abgestürzte Fluggerät als Passage, Fluchttunnel oder Durchgang. Im Workshop werden wir eigene Visionsräume entstehen lassen, die dann im nächsten Sommer an den Container von „Little Boy“ angedockt werden können. Für unsere Räume werden wir Materialien recyceln, die andere Theater nicht mehr brauchen. Wir nehmen, was wir kriegen. Auch die „Abfälle“ der Aufführungen, die beim Theatertreffen eingeladen sein werden.
Diese Auswüchse werden erweiterte Körperräume sein, Modelle, Bühnen oder Kammern. Wir werden verschiedenste Raumkonzepte entwickeln und erproben. Wir werden sie mit Konzepten und Ideen aus den jeweiligen Herkunftsländern der Stipendiaten verbinden. Dazu werden alle am Workshop Beteiligten – egal aus welchem Kulturkreis – bereits im Vorfeld in ihrer Stadt oder ihrem Dorf auf die Suche gehen und Raumerfahrungen festhalten, dokumentieren und sammeln. Einerlei ob biologischer Prozess, Bühnen des No-Theaters oder Selbstwahrnehmung im Innern einer Maske, jedes mitgebrachte Konzept wird in Berlin Teil eines Ganzen.
Unsere Ergebnisse werden vielleicht wie das Innere einer Kamera sein. Oder ein Bühnenbildmodell mit Spiegel, in dem die Wirklichkeit im verkleinerten Maßstab zu sehen ist. Wie ein Screen, vor dem man sitzt, entsteht durch Projektion Raum. Ein Fernseher erinnert an den Modellkasten eines Theaters, TV-Bühne. Es entstehen Nester, Zimmer, Observatorien, Zellen. Ein Helm, in den man seinen Kopf steckt, wird zum erweiterten Schädelraum. Raum als Kolonie des Körpers.
Auch nach Ende des Workshops werden die entstandenen Dinge weiter leben, Weiteres befruchten und an die nächste Arbeit angeschlossen. Besucher der Hannoveraner Herrenhäuser Gärten bekommen so über unsere unterschiedlichen geschlossenen Bildkammern Einblicke in die verschiedenen Länder: ein weiterer Film, eine weitere Maske. Der Körper des Flugzeugs wird zum Kopfraum.“


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