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Pressestimmen zu MaerzMusik 2010

Gern wäre ich bei Edgar Varèse im Konzerthaus gewesen. Weil in der MaerzMusik Freiheit noch versucht wird. Wieder.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Alban Nikolai Herbst, 28. März 2010

Utopie [verloren] war der Titel des diesjährigen MaerzMusik Festivals „für aktuelle Musik“ in Berlin (19. bis 28. März). Dass so ein Thema zum Besucherrekord von 12.000 Teilnehmern führt, war vielleicht zu erwarten angesichts der schwelenden Wirtschafskrise. Aber was kann Musik zur Klärung beitragen? Nicht wenig, wie sich zeigte: schon wo nur „autonome“ Kunst geboten wurde. Wenn zum Beispiel das Streichquartett von Giacinto Scelsi erklang, drehte sich zwar alles nur um den einzelnen Ton, aber zu hören, wie der sich erst einmal erschaffen musste und auch konnte – weil Scelsis Idee, dass Töne eine „Tiefe“ haben, einen Raum unterstellt, in dem ihr Dasein nicht garantiert, aber möglich ist –, war bereits befreiend.
Ebenso die Konzerte mit elektronischer Musik, deren Komponisten wie Klaus Ospald und Georg Friedrich Haas betonen, dass die elektronische Umformung gewohnter Klänge dazu dient, den Instrumenten, die sie erzeugt haben, selbst wieder neue Klänge zu ermöglichen. Und wenn Thomas Kessler sein Werk „für großes Sinfonieorchester mit multipler Live-Elektronik“ aus dem Jahr 2009 Utopia nennt, ist man sehr einverstanden, denn indem er kein zentrales Mischpult mehr vorsieht, sondern das Umformen jedem Orchestermitglied überlässt, illustriert er ein utopisches Ziel: die Assoziation freier Individuen.
Der Freitag, Michael Jäger, 31. März 2010

„Utopie [verloren]“ heißt der Leitgedanke dieses Musikfestivals, und die typografische Besonderheit des Mottos zeigt jedenfalls schon an, dass man den visionär-utopischen Charakter der zeitgenössischen Moderne heute zwar nicht ganz abschreiben will, aber offenbar nicht mehr die Kraft zutraut, frank und frei für den „Nicht-Ort“ Wunsch(t)raum einzustehen, offen für ihn zu werben. Die Klammer des Verlorenseins signalisiert, dass Utopisches zumindest als Anspruch noch immer vorstellbar erscheint – als erwünschter „Ort der Reflexion über Verlust und Scheitern, Resignation und Verfall, Tod und Jenseits“ –, aber inmitten der Druckverhältnisse kaum mehr erreichbar ist. Das verunsichert.
Süddeutsche Zeitung,Wolfgang Schreiber, 27./28. März 2010

Als Festival für „aktuelle Musik“ will die nun zum neunten Mal durchgeführte Maerzmusik nicht das Neue um jeden Preis. Frederic Rzewskis 1975 entstandene Klaviervariationen The People United Will Never Be Defeated! erinnerten (…) gültig an die Utopie einer Verbindung von Avantgarde und Volkstümlichkeit. Die Altmeister Dieter Schnebel und Klaus Huber boten Neues: Schnebel einen fast plakativ wirkungsvollen Bachmann-Zyklus für Stimme und Kammerensemble, Huber eine faszinierende erste Auseinandersetzung mit Live-Elektronik in Erinnere dich an Golgatha für Kontrabass und 18 Instrumente.
nmz online, Albrecht Dümling, 30. März 2010

MaerzMusik 2010 war ein Festival zwischen vagen Ortsbestimmungen und musikalischen Visionen, das mit Sicherheit das eine oder andere profunde Nachbeben in der Musikauffassungseiner Besucher ausgelöst haben dürfte.
Jazzthetik, Ralf Bei der Kellen, Mai/Juni 2010

Zu der duftigen, zirpenden Nacht- und Gartenmusik (von Salvatore Sciarrinos Oper Luci mie traditrici), vom Klangforum Wien unter Beat Furrer mit größter Delikatesse dargeboten, sangen die Hauptfiguren Otto Katzameier und Anna Radziejewska nuancenreich in Belle-Époque-Kostümen, wie sie Franco Zeffirelli nicht luxuriöser nicht hätte auswählen können. Für die Geschichte eines Eifersuchtsmordes warf Horn abstrakt-florale Projektionen auf den Bühnenhintergrund und brachte Ornament und Verbrechen auf denkbar unpolemische Weise in Verbindung – auch dies eine köstliche Pointe.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Jan Brachmann, 27. März 2010

Einige Stücke aus dem Konzert am Sonntag mit dem Quartetto Prometeo schienen Utopievorstellungen zu erfüllen. Voran die 6 Moments musicaux für Streichquartett op. 44, 2005 komponiert, von György Kurtág (...). Das dreisätzige Werk ist von einer Zartheit, die bis in die Nervenenden der Fingerspitzen fühlbar wird. An klanglichen, ausdrucksmäßigen Abstufungen lässt sie fast nichts aus. Wie leises Windgeflüster die mit einander verflochtenen Stimmen. Flageoletts flirren im ppp, sanfte, gebändigte Motorik belebt die Faktur. Am Ende ringsum beredete Stille. Die zahlreichen Besucher hatten die Botschaft verstanden und dankten den Spielern über die Maßen.
Neues Deutschland, Stefan Amzoll, 24. März 2010

Passend zum Festival-Motto „Utopie (verloren)“ ist das Werk (Der Sonne entgegen von Lucia Ronchetti) ein Requiem auf die Utopie einer grenzenlosen Welt. Es beginnt hochpolitisch mit dem Zusammentreffen von Urlaubern und Bootsflüchtlingen, wechselt dann aber zu ganz anderen Aspekten des Themas „Grenzen“: Eine Astronautin trägt den internationalen Weltraumvertrag vor, Schuhverkäufer bauen eine Mauer aus Nike-Schukartons, Intellektuelle diskutieren in einer Eisberg-Talkshow über die staatsfreie Antarktis.
Berliner Zeitung, Ann-Christine Mecke, 23. März 2010

Schnebel hat die literarische Zitatmischung musikalisch dergestalt nachvollzogen, dass er Tristan-Zitate erkennbar, original, freigestellt oder einbindet in den quasi-seriellen Vertonungszusammenhang. Die in expressivem Singen-Sprechen sich ergehende Alt-Stimme (Susanne Otto) wird ausgeklügelt grundiert oder überlagert von Geige und Cello, Klavier, Saxophon und Schlagzeug. Die vier Gedichte von Teil II „Terra nova“, stammen aus Ingeborg Bachmanns später römischer Zeit der Liebesepisode mit einem Afrikaner, sie münden in ein instrumentales Nachspiel von dichtester Ekstatik.
Süddeutsche Zeitung,Wolfgang Schreiber, 27./28. März 2010

Mit einer Partitur schlaglichtartiger Kontraste und unverhoffter Wendungen, wie man es von der Österreicherin (Olga Neuwirth) kennt; mit einer Dichte und Schärfe, einer Tiefenschärfe auch, die stets mehrere Klangewebeschichten übereinanderlegt und -denkt. Berührend sind insbesondere deren abgewetzte Stellen, die mal in gläsernen Sequenzen, mal in lustvoller Motorik etwas ahnen lassen von der Schönheit und Zerbrechlichkeit, vom inneren Gesang, der die Gattung (Streichquartett) einst so beflügelt hat.
Der Tagesspiegel, Christine Lemke-Matwey, 25. März 2010

Die elektronisch manipulierten Klänge von Kesslers Utopia nun waren wortwörtlich unerhört, und unter der Leitung von Holliger stellte sich auch jene Spannung auf der Bühne ein, die klar macht, dass Verfremdung Verdeutlichung ist. Töne und Tonfetzen wurden in Loops gelegt und blieben gleichsam hängen, die Wildnis des Nachhalls war lang und häufig inszeniert und besonders hier fiel irgendwann die unterscheidende Grenze im Ohr, was Maschine war und was Mensch. Assoziationen wucherten über diesen Musikern und Schaltkreisen, deren Schichten sich zum schillernden Schuppenkleid unbekannter Gemengelagen aufschichteten, metallene Insekten, die ihre metallenen Flügeldecken gegeneinander reiben, siedend blubberndes Holzschlagwerk, und neben der dynamisierten Viskosität der kaulquappig an- und abschwellenden Blechbläser stand auch zuweilen der Schmerz zerreißender harter, steinerner Materialien, die doch rissen als wären sie wässriges Fleisch.
klassik.com, Tobias Roth, 25. März 2010

Gesungen wird in den „Telegrammen“ nur selten, und doch wird aus dem Zusammentreffen der Künste echtes Musiktheater, weil die verschiedenen Elemente so kunstvoll ineinandergreifen: Die Musik, die eben noch die Cut -Out-Animationen von Kendridge illustrierte, wird im nächsten Moment zum Antrieb einer Szene, die Von Texten auf der Leinwand konterkariert wird. Und manchmal sind die Musiker und ihre bizarren Instrumente selbst das Zentrum des Geschehens – bis der Sprecher mal wieder „Spasibo“ brummelt, denn dann kommt etwas Neues. Die Telegramme der Nase erzählen keine Geschichte, sondern tollen frei herum, heißt es im Programmtext. (…) Gewiss, die Elemente dieses kurzweiligen Abends sind allesamt geklaut. Der Applaus an diesem Abend gebührt auch Charms, Gogol und Schostakowitsch. Aber diese Zusammenstellung ist so sprudelnd, so eigenständig und kunstvoll, wie es die russische Avantgarde war – bevor Stalin ihr ein Ende bereitet hat.
Berliner Zeitung, Ann-Christine Mecke, 27./28. März 2010

Der geheimnisumwitterte Russe (Nikolai Obuchow) verschmolz Skrjabin und Schönberg zu einem expressiven wie originellen Mysterium. Roland Kluttig und das Konzerthausorchester Berlin entfalteten mit Hingabe eine Partitur, in der die Sänger auch zu stöhnen und zu pfeifen haben, konnten allerdings nur das halbstündige Préface zu Gehör bringen. Obuchows Livre de Vie dauert 24 Stunden – eine wahrhaft utopische Dimension. Auch der zweite Höhepunkt von MaerzMusik war nicht gerade neu. Frederic Rzewskis 32 Variationen eines chilenischen Revolutionsliedes, auf Amerikanisch The people united will never be defeated, stammt von 1975. Es ist ein eminent musikalisch, ja musikantisch gedachtes Werk, überschreitet kühn die Grenze zwischen populärer und avantgardistischer Musik und fand in Heather O‘Donnell die feinsinnige Interpretin. Über eine Stunde beanspruchte Rzewski, und es gab - sensationell bei moderner Musik – keinen einzigen langweiligen Takt.
Die Welt, Volker Tarnow, 9. April 2010

Herausgekommen ist (bei Beat Furrers Wüstenbuch) ein wunderbar stimmiger Abend, zauberhaft, befremdlich, faszinierend. Es ist der Wirklichkeit gewordene Traum von einem Theater, das keine Geschichten mehr erzählt, das keine Gestalten mehr entwirft, aber Dank seines poetischen Reichtums vielleicht weit Relevanteres erzählt, als Geschichten und Gestalten dies überhaupt können.
Süddeutsche Zeitung, Reinhard Brembeck, 17. März 2010

(Mela Meierhans Rithaa) ist eine multimediale, manchmal jazzig swingende Mischung aus westlicher und nahöstlicher Moderne. Wie schwebend improvisiert klingt das, wenn Kamilya Jubran singt zu ihrer Ud. Beeindruckend auch die eingeblendeten Filmaufnahmen mit einem professionellen ägyptischen Klageweib, das im steinigen Sand die Hände kreisen und den Staub auf ihr Kopftuch rieseln lässt.
Neue Zürcher Zeitung, Georg-Friedrich Kühn, 01. April 2010

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