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MaerzMusik – Festival für aktuelle Musik

19. bis 28. März 2010

UTOPIE [VERLOREN]

ORCHESTERKONZERTE · KAMMERMUSIK

MUSIKTHEATER · PERFORMANCE · INTERMEDIA

SONIC ARTS LOUNGE

Utopie: der Nicht-Ort und der gute Ort. Die Gegenwart scheint in hohem Maß von Mutlosigkeit geprägt. Reaktion dominiert über Aktion, blanker Pragmatismus und Krisenmanagement über Vision und Perspektive. Im Westen wird allenthalben das Ende der Ideologien ausgerufen. Das Reden über Utopie und Ideale wird fast zum Tabu. Und doch nährt umgekehrt der Verlust an Utopie die Sehnsucht nach Orientierung und Veränderung. Kunst kann, indem sie uns mit uns selbst konfrontiert, ein Labor der Überschreitung, des neuen Denkens, der Kreation jenseits des Bekannten sein. Kunst ermöglicht die Erfahrung des Erhabenen, der Ahnung des Anderen, des Noch Nicht, des Nicht Mehr, des Unfassbaren. Vor allem Musik mit ihrem Anspruch auf Autonomie und Abstraktion hat das Potential, den Keim der Utopie zu wahren und aufgehen zu lassen.

Unter dem dialektischen Motto Utopie [verloren] untersucht die neunte Ausgabe von MaerzMusik mit exemplarischen Werken, zahlreichen Uraufführungen und Neuproduktionen Musik als Ort utopischen Denkens und utopischer Praxis, von Erinnerung und Hoffnung, aber auch als Ort der Reflektion über Verlust und Scheitern, Resignation und Verfall, Tod und Jenseits.

MaerzMusik eröffnet mit Luci mie traditrici von Salvatore Sciarrino in der Inszenierung und Ausstattung von Rebecca Horn. Die Oper schildert die Katastrophe der unerfüllten Liebe, erinnernd an den adligen Komponisten Gesualdo, der seine Frau und ihren Geliebten ermorden ließ. Der Komponist Beat Furrer dirigiert das Klangforum Wien nicht nur in dieser Aufführung, sondern auch gegen Ende des Festivals bei seinem neuen Musiktheater Wüstenbuch in der szenischen Einrichtung von Christoph Marthaler – eine Annäherung an die Erotik des Fremden, an Tod, Leere und Jenseits, mit Texten u. a. von Händl Klaus, Ingeborg Bachmann und aus einem altägyptischen Papyrus. Die Schweizer Komponistin Mela Meierhans blickt in ihrem Stück Rithaa – ein Jenseitsreigen II mit der palästinensischen Sängerin Kamilya Jubran auf arabische Klagegesänge und Totenrituale. Im Modus des „Slow Listening“, angereichert durch Bildprojektionen, legt Clemens Goldberg den symbolischen Gehalt der Messe Et Ecce Terrae Motus von Antoine Brumel (um 1500) frei. Gegenläufige Utopien des (vergifteten) Glücks in der Fremde thematisiert Lucia Ronchetti in Der Sonne entgegen: Migranten und Flüchtlinge auf der Suche nach einem besseren Leben im Westen, Touristen auf der Suche nach dem billigen Paradies in der exotischen Ferne. Der Bildende Künstler William Kentridge und der junge Komponist François Sarhan betreiben in der lakonischen Musik-Film-Performance Telegrams from the Nose eine drastische Dekonstruktion sowjetischer Polit-Mythen.

Neben den szenischen Produktionen bietet MaerzMusik 2010 herausragend besetzte Orchester- und Kammermusik, in der politische, technische, spielpraktische und rein musikalische Momente des Utopischen anklingen. Die Staatskapelle Weimar unter Heinz Holliger macht mit dem Werk Utopia von Thomas Kessler in der Philharmonie klangräumlich erfahrbar, dass ein Orchester mehr ist als ein kollektives Zusammenwirken professioneller Musiker. Verteilt im Raum verfügt jeder einzelne Musiker über einen Computer und Verstärker, um den Instrumentalklang live-elektronisch zu verfremden. Die überhaupt erste Komposition mit Live-Elektronik des Altmeisters Klaus Huber wird uraufgeführt vom Collegium Novum aus Zürich. Das Arditti Quartet aus London, das Quartetto Prometeo aus Rom und das Ensemble ascolta aus Stuttgart – allesamt zum ersten Mal bei MaerzMusik zu Gast – spielen Auftragswerke von Salvatore Sciarrino, James Clarke, Olga Neuwirth, Johannes Schöllhorn, Isabel Mundry, Barbara Monk Feldman und anderen. Zu Ehren des 80. Geburtstags von Dieter Schnebel heben das erweiterte Trio Accanto und die Sängerin Susanne Otto einen abendfüllenden Zyklus auf späte Gedichte von Ingeborg Bachmann aus der Taufe. Aufgrund der Renovierung des Hauses der Berliner Festspiele findet die nächtliche Sonic Arts Lounge ebenso wie alle anderen Veranstaltungen „außer Haus“ statt. SA L lädt ein zu experimentellen Grenzerfahrungen zwischen Musik, Kunst, Technik, Politik und Vision. John Butcher macht mit sieben Musikern den Anfang in somethingtobesaid und beschwört das Ideal kollektiver Improvisation. Felix Kubins Echohaus mit sechs Musikern in verschiedenen Räumen lotet für den wandelnden Hörer die Tiefenschärfe zwischen Einzelstimme und Gruppenklang aus. Michael Pisaro und Bernhard Leitner bedienen sich der utopischen Technologie der Wellenfeldsynthese, vermittels derer beliebige Klangquellen im Raum virtuell bewegt werden können. Heather O’Donnell zelebriert den enormen Variationszyklus von Frederic Rzewski auf das chilenische Kampflied El Pueblo Unido. Und dann: Heaven And ………

Seien Sie herzlich eingeladen, die nicht gefahrlose, erregende Reise zu den [verlorenen] Inseln musikalischer Utopie anzutreten, wo Musik als Kraftfeld des Neuen, des Unerhörten, des Unerprobten und der Überschreitung zu befragen ist.

Matthias Osterwold

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