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Stückemarkt IV

Klaas Tindemans (Brüssel, Belgien)
Bulger
Aus dem Flämischen von Uwe Dethier

Szenische Einrichtung · Johan Simons
Dramaturgie · Koen Tachelet
Es lesen · Brigitte Hobmeier, Sylvana Krappatsch und Thomas Schmauser

„Bulger“ basiert auf einem authentischen Verbrechen, das 1993 in Liverpool stattgefunden hat. Zwei zehnjährige Schulschwänzer entführten ein zweieinhalbjähriges Kind aus einem Einkaufszentrum und brachten es um. Sie wurden wie Erwachsene vor Gericht gestellt und verurteilt. Das Stück aber ist weder eine Rekonstruktion des Mordes noch der Rechtsprechung. Tindemans entschied sich, in die Haut der Täter zu schlüpfen. In einem Prolog erzählen sie ohne viel Emotionen, wie sie ein kleines Kind entführten, mit ihm spielten, Steine nach ihm warfen, eine Schnur um seinen Hals banden und es zum Schluss wie tot auf dem Bahngeleise liegen ließen.
Nach dem Prolog befinden wir uns in der Gegenwart. Szene um Szene verstehen wir besser, wer die Kinder sind. Wir wundern uns, wie „normal“ sie sind, wie bekannt uns ihre Gespräche, ihre gesellschaftliche Situation, ihre Phantasie vorkommen. Auch die Faszination für grausame Spiele erkennen wir wieder. Das Stück versetzt uns in eine Logik, in der sich der Unterschied zwischen Gut und Böse zu relativieren scheint. Obwohl uns im Prolog knallhart aufgetischt worden war, was die Kinder anstellen werden, sind uns ihr Verhalten und ihre Äußerungen in gewissem Sinn sympathisch. Wir wollen nicht wahrhaben, dass Unschuld und Schuld so nah beieinander liegen, dass Phantasie so leicht Wirklichkeit werden, das Böse so banal sein kann. „Wir waren groß genug, um im Gefängnis zu landen, aber zu klein, dass man auf uns hörte. Sie dachten, Kinder wie wir kämen von einem andern Planeten.“ „Bulger“ ist eine erschütternde Geschichte, weil es nicht um Monster geht, sondern um Kinder, die wir selber sein könnten oder haben könnten.
Koen Tachelet
Aus dem Niederländischen von Barbara Buri

Klaas Tindemans, 1959 in Antwerpen geboren, lebt in Brüssel. Er ist studierter Rechtsphilosoph und war Forschungsassistent am Zentrum für Studien der Rechtsgrundlagen der Katholischen Universität Leuven. 1996 promovierte er über „Recht und Tragödie. Die Szene des Gesetzes in der antiken Polis“. Heute arbeitet er als Dramaturg für das Antwerpener Schauspielkollektiv De Roovers sowie für das Jugendtheater Bronks in Brüssel, für das er 2006 sein erstes Theaterstück „Bulger“ schrieb und inszenierte. Außerdem unterrichtet er am RITS in Brüssel sowie an der Universität in Antwerpen den postgraduierten Studiengang in Theaterwissenschaft. Er hat Publikationen über Rechtstheorie und über das Jugendtheater in Brüssel herausgegeben und Euripides’ „Medea“ übersetzt.