| aktuelle Website | Impressum | Sitemap | mobil     || English
| Home | MaerzMusik | MaerzMusik 2008
| MaerzMusik 2008
Öffnet die Druckansicht in einem neuen Fenster

MaerzMusik – Festival für aktuelle Musik

7. bis 16. März 2008

ORTE · PLÄTZE · WÜSTEN · WANDERUNGEN
SPANIEN · PORTUGAL · MEXIKO
PARIS · NEW YORK · AUSTRALIEN


DIE KUNST DES SAMMELNS

PORTRAITS
LIZA LIM · EMMANUEL NUNES · STEFANO GERVASONI
SONIC ARTS LOUNGE

MaerzMusik 08 Motiv 1
Die Atmosphäre von Orten, der Nachklang von Situationen, aber auch das Wechseln der Position, das Wandern und Reisen, sind nicht selten Impulsgeber und Gegenstand musikalischer Komposition. Physische und metaphorische Prozesse des Verharrens, des Abschieds, des Übergangs und der Verwandlung bilden den thematischen Rahmen von MaerzMusik 2008. Musik entsteht an konkreten Orten, sie wird auf spezifische Orte projiziert, sie wird durch die Bedingungen der Orte mitgeprägt, durch Ortswechsel verändert. So werden Wechselwirkungen zwischen Klima, Mentalität, Unwirtlichkeit und Überfluss, zwischen Geschichte und Gegenwart, Tradition und individueller Entwicklung im Festival musikalisch untersucht. Ein regionaler Schwerpunkt liegt auf Musik von der Iberischen Halbinsel und aus Mexiko – aber auch rostige Zäune im öden australischen Outback, New Yorks kochender Untergrund um 1980, das Paris der 20er Jahre und weite Wege durch Wüstenlandschaften spielen eine musikalische Rolle.

Künstlerinnen und Künstler aus Portugal, Spanien, Mexiko, Uruguay, Italien, Australien, Paris, Berlin und anderswoher lassen in Uraufführungen und Neuproduktionen, mit Orchester- und Kammermusik, experimentellem Musiktheater, mit multimedialen Performances und digital basierten Arbeiten ein reiches und farbintensives Bild aktueller Musik entstehen.

Ein „Vorspiel“ mit dem Titel HUM – Die Kunst des Sammelns entführt das Publikum über einen „taxomanischen Parcours“ in die sonst nicht zugänglichen Forschungssammlungen des Museums für Naturkunde. Diese Räume mit ihrer unübersehbaren Fülle an Gläsern, Vitrinen und Schubladen, angefüllt mit allen möglichen konservierten Tierarten und Mineralien – „Wüsten der Ordnung“ –, werden vom Ensemble „a rose is“ und Kustoden des Museums nach allen Regeln der Kunst und Wissenschaft bespielt.

MaerzMusik 2008 eröffnet mit der Uraufführung Hommage à Klaus Nomi von Olga Neuwirth. Das „Songplay“ verfolgt den Weg des bayrischen Countertenors über Berlin nach New York, wo Nomi als hyperartifizielle Kultfigur des New Wave eine kometenhafte, durch frühen Aids-Tod jedoch rasch verlöschende Karriere durchlief. Lucia Ronchetti setzt in ihrem neuen Monodram Albertine nach Marcel Proust das Objekt der Begierde und Subjekt des Begehrens, dargestellt durch die Sopranistin Anna Prohaska, der Intimität eines kleinen Salonpublikums aus.

Die Spur der menschlichen Stimme, deren Artikulationen durch kulturelle Rekodierung, elektronische Verfremdung und experimentelle vokale Praxis stetig in neuem, wechselnden Licht erscheinen, greift der Portugiese Miguel Azguime in der Multimedia-Oper Itinerário do sal auf. Stefano Gervasoni integriert in seinneues Werk COM QUE VOZ Gesänge des „Fado“, in denen sich melancholisch Geschichte und Affekt der portugiesischen Nation spiegeln. Von Mauricio Sotelo sind Werke für den Flamenco-Sänger Arcángel und den Gitarristen Cañizares zu hören. Fátima Miranda verschmilzt in ihren vokalen Exkursionen den Gestus des Flamenco mit mongolischem Obertongesang, indischem Dhrupad und freien Stimmtechniken. Zum Abschluss des Festivals zelebriert der Katalane Carles Santos in El fervor de la perseverança drastisch, erotisch obsessiv und klangmächtig die Karambolage seiner virtuosen Klaviertoccaten mit deutscher Liedromantik und postdadaistischer Lautpoesie.

Das Remix Ensemble aus Porto zeichnet bei seinem Berliner Debüt ein Porträt von Emmanuel Nunes, Portugals derzeit bedeutendstem Komponisten, der sich durch eine hochkomplexe, dichte Tonsprache auszeichnet. Liza Lim gilt ein weiteres Porträt. Die chinesisch-australische Komponistin sucht nach Brüchen, aber auch nach Verknüpfungen der entfernten kulturellen Sphären, zwischen denen sie sich gewandt und kundig bewegt.

Das Nachtprogramm SONIC ARTS LOUNGE bietet neben Premieren der Berliner Formationen Kapital Band I und Perlonex (mit der Videokünstlerin Ulrike Flaig) die Begegnung mit den iberischen Geräusch-Schamanen Francisco López und Rafael Toral, mit purem Flamenco, mit dem mitreißenden Tambuco Percussion Ensemble aus Mexico City und den multimedialen Politaktivisten des Nortec Collective aus Tijuana.

Vor jeder Veranstaltung im Haus der Berliner Festspiele macht Jon Rose Musik auf einem kurzen Stück jener Zäune, die als Great Fences of Australia die endlosen Einöden und Wüsten des fünften Kontinents von Osten nach Westen durchqueren, in der verzweifelten Absicht, die epidemische Ausbreitung eingeschleppter Kaninchen und Dingos zu verhindern.

Matthias Osterwold

| zurück