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Schneller als das Licht. Die magischen Klangbilder des

Edgard Varèse

von Habakuk Traber

Was politisch undenkbar scheint, muss künstlerisch nicht scheitern. Edgard Varèse war ein amerikanischer, und er war ein französischer Komponist, außerdem pflegte er starke Affinitäten zur Musik aus Deutschland. Kurz: Er war ein Wanderer zwischen den Welten. Man mag diese Eigenheit seiner Kindheit zuschreiben. Er wurde in Paris geboren, wuchs aber, solange er die Schule noch nicht besuchen musste, bei seinen Großeltern im Burgund auf. Die alte Kulturlandschaft, ein Herzstück europäischer Geschichte, grub sich tief in sein Gedächtnis ein. An der Natur faszinierten ihn nicht die idyllischen, sondern die majestätischen Momente, das, was die Menschen zu ihrer Baukunst anregte. Bourgogne nannte er sein erstes großes Orchesterwerk, eine Symphonische Dichtung. Wie sie wirklich klingt, wissen wir nicht, Varèse vernichtete die Partitur 1962 in einem hyperkritischen Anfall. Einmal wurde sie jedoch aufgeführt, Ende 1910 in Berlin – Richard Strauss hatte sich für das Werk eingesetzt. Zeugen, die es hörten, erinnern sich an Klangbilder von magischer Intensität. Der Kritiker Alfred Kerr lud den Komponisten nach der Uraufführung zur Mitarbeit in seiner Zeitschrift ein, er entdeckte in ihm einen Gleichgesinnten.

Man mag Varèses Weltbürgertum der kosmopolitischen Atmosphäre seiner Heimatstadt gutschreiben. Seit seinem achten Lebensjahr wohnte er in Paris. Dort ging er zur Schule, dort studierte er, dort begeisterte er sich für die Werke von Claude Debussy, für die Kunst der Nuancen und des sinnlichen Klangs. Er gewann die Freundschaft des älteren Kollegen, debattierte mit ihm über ästhetische Fragen und tat, was jeder aufgeschlossene Künstlermensch damals in Paris machte: Er bewegte sich in der Szene, schloss Bekanntschaften nicht nur mit Leuten aus seiner Profession, sondern auch mit Dichtern, Malern und Vordenkern des Films. Die Kunst ist eine, meinte er in gut romantischer Tradition, sie kennt nur verschiedene Ausdrucksformen. Paris blieb in seinem weiteren Leben der trigonometrische Punkt, von dem aus er die Weite seiner kulturellen Interessen und Initiativen vermaß. 1907 aber zieht er – zweite Wanderung – nach Berlin, er will mehr wissen und erfahren. Er lernt Hugo von Hofmannsthal und Gustav Mahler kennen, er begegnet Richard Strauss, begeistert sich für dessen Symphonische Dichtungen und für die unerreichte Kunst, das Orchester als einen Klangkörper nahezu unbegrenzter Möglichkeiten zu behandeln. Varèse fasst große Pläne, zu große. Sie lassen sich nicht verwirklichen. Aber sie wirken als Ideenpool und geben die Richtungen für sein weiteres Schaffen vor. Berlin war der Katalysator seiner künstlerischen Entwicklung.

Was macht einer, der am Vorabend des Weltkriegs mit seiner französisch-deutschen Musikbegeisterung und mit seinem kosmopolitischen Eigensinn zwischen die Fronten gerät? Er emigriert – Varèses dritte »Wanderung « führt nach New York. Er braucht einige Jahre, bis er dort sein erstes großes Werk vollendet. Er widmet es dem »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« (dabei macht er sich keine Illusionen darüber, dass dort, wo die Möglichkeiten unbegrenzt erscheinen, nicht allzu viel vorhanden sein kann). Amériques enthält tatsächlich französische und deutsche Erfahrungen in Fülle: die Klangflüsse eines Debussy, konzentriert und energetisch aufgeladen, auch Strauss’ Heldenleben klingt hin und wieder durch. Aber diese Elemente sind in einem Konzept von Klangarchitektur und Klangbewegung gleichsam aufgesogen.

Varèses Leben vollzieht sich ab 1915 für fünf Jahrzehnte zwischen den Modellstädten der Urbanität in der Alten und der Neuen Welt, zwischen New York (später Los Angeles) und Paris. Varèse ist ein Stadtmensch, ein Mann der urbanen Kultur, den die Architektur, die geschaffene Welt, fasziniert, der durch Kontakte und in Netzwerken mit anderen auflebt. In seiner ersten Pariser Periode schuf die Freundschaft mit Romain Rolland nicht nur dem Komponisten wichtige Anregungen, Varèse stand auch dem Dichter für die Titelfigur seines Romans Jean Christophe Modell (auch das eine gut romantische Tradition). In Amerika schreibt Henry Miller ein sprach- und bildkräftiges Porträt über den befreundeten Komponisten, mit dem er an einem Stück über die herausfordernden Menschenmöglichkeiten der Wüste arbeitet. Anaïs Nin widmet den Varèses zahlreiche Seiten in ihrem Tagebuch, die sich wie Kurzgeschichten lesen und einen lebendigen, anschaulichen Eindruck vom Wesen des Komponisten und vom Ambiente vermitteln, in dem er lebt. Sie bringt die Intensität von Varèses Musik auf den Begriff: »Das Licht ist schneller als der Ton, aber im Falle von Varèse ist der Ton weit schneller als das Licht.

»Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich zum ersten Mal Varèses Musik hörte – auf einem wundervollen Tonwiedergabegerät. Ich war wie betäubt. Es war, als hätte ich einen K.o.-Schlag bekommen. Als ich mich davon erholt hatte, hörte ich wieder zu. Diesmal nahm ich Empfindungen wahr, die ich gleich erlebt hatte, die ich aber wegen ihrer Neuartigkeit, wegen der fortgesetzten, ununterbrochenen Folge von Neuartigem nicht zu identifizieren vermocht hatte. Meine Empfindungen hatten sich zu einem Crescendo verdichtet, das sich mir mitteilte, als hätte ich mich selbst auf den Kiefer geschlagen. Als ich später mit Varèse über sein neues Werk sprach, fragte er mich, ob ich nicht einige Sätze für den Chor beisteuern wolle – »magische Sätze« –, meinte Varèse – alles, was ich zuvor gehört hatte, drang mit doppelter Kraft und Bedeutung auf mich ein. »Ich möchte etwas von dem Gefühl, das die Wüste Gobi vermittelt«, setzte Varèse hinzu.

Die Wüste Gobi! Mir begann sich alles zu drehen. Er hätte kein zutreffenderes Bild verwenden können als dieses, um den Effekt, den seine organisierte Klangmusik letztlich hervorrief, zu beschreiben. Das seltsame an Varèses Musik ist, dass man verstummt, wenn man ihr zugehört hat. Sie ist nicht sensationell, wie die Leute es sich vorstellen, sondern Ehrfurcht gebietend. Sie ist überwältigend… Varèse möchte eine wahrhaft kosmische Unruhe auslösen. Könnte er die Ätherwellen kontrollieren und alles mit einer Drehung der Skala von der Landkarte wischen – ich glaube, er würde in Ekstase sterben. Wenn er von seinem neuen Werk und dem, was er zu erreichen versucht, spricht, wenn er die Erde und ihre Träge Masse drogenvergifteter Bewohner erwähnt, kann man sehen, wie er versucht, diese Erde beim Schwanz zu packen und sie um seinen Kopf zu schleudern. Er möchte sie wie einen Kreisel zum Rotieren bringen.«
Henry Miller
aus: Der klimatisierte Alptraum dt. von Kurt Wagenseil
© 1977, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg
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