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Eine Einführung von Stefan Fricke

Es ist genau 100 Jahre her, da lernte Edgard Varèse in Paris Claude Debussy kennen. Einige Wochen später zog er, Jahrgang 1883, nach Berlin. Hier und anderswo begegnete Edgard Varèse bald Ferruccio Busoni, Hugo von Hofmannsthal, Romain Rolland, Richard Strauss, Maurice Ravel, Gustav Mahler, Igor Strawinsky und anderen Kulturgrößen der Zeit. 1909 gründete er in Berlin den Symphonischen Chor, den er anderthalb Jahre leitete und mit dem er vor allem Alte Musik aufführte. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts war das alles andere als en vogue. Um Moden aber kümmerte sich der Komponist, Dirigent und Klangforscher zeitlebens nicht. Ihm ging es um die vielschichtig angelegte ›Befreiung des Klangs‹. Sei es, dass er, der 1915 nach New York übersiedelte und fortan rege zwischen der Alten und der Neuen Welt hin- und herreiste, als Dirigent das Repertoire entstaubte, sei es, dass er als Komponist ästhetische Wege einschlug, die bis heute bahnbrechend sind. Man denke an seine einzigartige Komposition Ionisation für 13 Schlagzeuger, an seine magischen Orchesterwerke Ameriques und Arcana. Überdies war Varèse, wie man heute sagen würde, ein guter Networker.

Die Musik von Edgard Varèse sowie die seiner Klangverwandten Claude Debussy [1862–1918] und Charles Ives [1874–1954] bilden das programmatische Zentrum des Festivals. Nahezu alle Werke, die dieses Jahr beim musikfest berlin erklingen, lassen sich mittelbar oder unmittelbar auf diese drei Persönlichkeiten und ihr Musikdenken zurückführen. Das musikfest berlin findet in Zusammenarbeit mit der Stiftung Berliner Philharmoniker statt und begreift sich als großes internationales und erstklassig besetztes Orchesterfestival. Davon kündet schon das imposante Gästebuch: das Boston Symphony Orchestra mit James Levine, das Concertgebouworkest Amsterdam mit Bernard Haitink plus den Damen des RIAS Kammerchor, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Mariss Jansons, die San Francisco Symphony mit Michael Tilson Thomas, das Philharmonia Orchestra London mit Charles Dutoit und die Sächsische Staatskapelle Dresden mit Fabio Luisi. Zudem präsentiert sich die Musikstadt Berlin als Gastgeber selbst mit ihren gewichtigen Klangkörpern: das Deutsche Symphonie-Orchester mit seinem neuen Chef Ingo Metzmacher und das Konzerthausorchester mit Lothar Zagrosek und dem Ernst Senff Chor, das Rundfunk-Sinfonieorchester mit Marek Janowski, die Philharmoniker mit Sir Simon Rattle und dem Rundfunkchor, die Staatskapelle mit Gustavo Dudamel als Dirigenten und ihrem Chef als Pianisten: Daniel Barenboim spielt den Solopart in Bartóks Erstem Klavierkonzert, das – obgleich 1926 in Ungarn geschrieben – eine programmatische Brücke nach New York baut, wohin der bekennende Antifaschist 1940 emigrierte und wo er 1945 starb. Neben der programmatischen Trias Claude Debussy (mit Vorläufern zur Musik Wagners) – Varèse (mit Gegenwartspositionen von Rihm, Nunes und Feldman) – Ives (mit Parallelen zu Mahler und zu Dvořáks Neuer Welt) sind es die drei Metropolen Paris – Berlin – New York, die immer wieder aus dem Gesamtprogramm des Festivals hervortreten. Hier lebten, arbeiteten viele Komponisten dauerhaft oder zeitweise, hier fanden epochale (Ur-)Aufführungen respektive zukunftsweisende, folgenschwere Begegnungen statt, hier entstanden die Grundlagen eines transkontinentalen, internationalen Kulturaustauschs, der 50, 60 Jahre später zur globalen Selbstverständlichkeit geworden ist. Kurzum: New York – Paris – Berlin waren die bedeutenden Musikzentren des frühen 20. Jahrhunderts.

Selbstverständlich darf man Wien nicht vergessen, wo sich ein avancierter Kreis um Arnold Schönberg konstituierte. Zwischen 1926 und 1933, bevor er vor den Nationalsozialisten fliehen musste, lehrte Schönberg allerdings in Berlin. Bis heute sind die genannten Metropolen überaus wichtige Zentren des internationalen Musiklebens geblieben.

Und dass es auch in Zukunft so bleiben wird, jedenfalls in Berlin, könnte nicht zuletzt an so besonderen Aktivitäten wie denen des musikfest berlin liegen. In innovativen Programmkonstellationen werden bekannte Werke mit selten aufgeführten Kompositionen gegenseitig gewinnbringend beleuchtet – vielfältig, überaus kunstvoll und thematisch dicht verwoben, künstlerisch klug vernetzt, mit lokalen und weltweiten Bezügen und Bezugsgrößen. Und natürlich mit exquisiten Solisten wie dem Bass Sergej Leiferkus, der Sopranistin Véronique Gens, dem Violinvirtuosen Frank Peter Zimmermann, der Pianistin Hélène Grimaud sowie ihren Kollegen Pierre-Laurent Aimard und András Schiff. So hat der Festivalbesucher zum Beispiel auch die nicht eben alltägliche Gelegenheit, symphonische Werke von Charles Ives zu erleben, dem ersten ›echten‹ amerikanischen Komponisten, oder die Möglichkeit, das bisher längste Streichquartett zu hören: Im noch jungen, aber jetzt schon hippen Veranstaltungsort, dem Radialsystem, direkt beim Ostbahnhof gelegen, erklingt bei einer ›Summer’s Night Lounge‹ am 31. August das String Quartet (II) des New Yorker Komponisten Morton Feldman (1926–1987). Fünfeinhalb Stunden dauert die Aufführung dieses 1983 entstandenen, hochgradig sensiblen Werks, dessen noch so kleine, feine Details und Riesenbögen das konzentrations- und konditionsgeschulte Pellegrini Quartett tadellos beherrscht. Mit diesem Auftakt schlägt das musikfest berlin schon zu Beginn einen Bogen zu zwei weiteren Veranstaltungen, die den Puls der Zeit erfühlen.

Dies ist zum einen die Uraufführung der Konzertoper PHAEDRA von Hans Werner Henze in der Staatsoper Unter den Linden, in Szene gesetzt von Peter Mussbach und Olafur Eliasson, von dem das Raumund Lichtkonzept stammt, aufgeführt vom Ensemble Modern aus Frankfurt (Leitung: Michael Boder). Zum anderen gibt es ein, und das ist wortwörtlich gemeint, abendfüllendes Konzert mit der Kölner musikFabrik, dirigiert von Peter Rundel. Hier treten Varèses Wegweiser Intégrales und Déserts in einen doppelten Dialog: mit Wolfgang Rihms Ensemblekomposition Form/Zwei Formen und mit dem dreiteiligen Stück Lichtung des portugiesischen Komponisten Emmanuel Nunes. Diese wie auch alle anderen Konzerte des musikfest berlin 07 halten ganz sicher viele atmosphärische Störungen bereit. »Schließlich«, so Edgard Varèse in einem Gespräch mit dem Komponisten Günther Schuller kurz vor seinem Tod am 6. November 1965 in New York, »ist Klang ja nichts anderes als eine atmosphärische Störung.«
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