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| Charles Ives
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Der realistische Träumer. Die zahlreichen Talente des

Charles Ives

von Habakuk Traber

Firmenjubiläum. Vor hundert Jahren gründete Charles Edward Ives, Wahl-New-Yorker aus dem ländlichen Connecticut, ein Versicherungsunternehmen. 23 Jahre lang leitete er es, binnen kurzer Zeit führte er es an die Branchenspitze. Er arbeitete systematisch, nach seinen Grundsätzen verfährt man noch heute. Er baute Netzwerke von Vertretern auf, bildete sie aus, schulte ihr Auftreten und entwickelte eine Kalkulationsweise, nach der sich Lebensversicherungen noch immer richten. Er analysierte scharf, dachte in Zusammenhängen und handelte konsequent. Und er folgte einer klaren Sozialphilosophie: Lebensversicherungen sollten nicht Profite maximieren, sondern individuelle Vorsorge und gegenseitige Unterstützung vereinen. Er sah sie als Kernstück im amerikanischen Traum, als Musterbilder für ein Gemeinwesen der Freiwilligkeit, für ein Sozialsystem der persönlichen Initiative. Charles Ives, der Unternehmer, agierte mit präziser Fantasie. Das zeichnete ihn vor vielen seiner Konkurrenten aus.

Charles Ives war ein Denker mit breiten Interessen, naturwissenschaftlichen, wirtschaftstheoretischen, philosophischen und künstlerischen. Er stammte aus dem Milieu des engagiert demokratischen Protestantismus in Amerika, beschäftigte sich intensiv mit der Transzendentalphilosophie, die die Grenzzäune zur Religion hin abriss, er trug einige anregende Essays zu ihrer Diskussion bei. Ganz nebenbei war der Student der Elite-Universität Yale ein exzellenter Sportler. Wie kommt so einer zum Komponieren? Die Antwort bei Ives fällt leicht: Er wuchs mit Musik auf, sie gehörte zum Alltag, sie war buchstäblich seine Vatersprache. In ihr drückte er sich aus wie andere in Worten. Mit vierzehn war er der jüngste fest angestellte Organist, den sich amerikanische Gemeinden leisteten, vierzehn Jahre amtierte er in diesem Beruf an den verschiedensten Orten. Die Stücke, die er dort aufführte, schrieb er zum großen Teil selbst. So entstand ein reicher Fundus an musikalischem Ideenmaterial. Ives griff in seinen großen Werken oft darauf zurück. Er studierte Musik, sie gehörte zu der anspruchsvollen, vielfältigen Fächerkombination, die er an der Yale University belegte. Im Kompositionsseminar war er semesterweise der einzige, entsprechend gründlich wurde er unterwiesen. Er selbst spielte die akademische Prägung seiner Persönlichkeit gern herunter. Lieber betonte er, welchen Einfluss sein Vater auf ihn ausübte.

Vater George E. Ives war musikalisch ein self-made-man, auf verschiedenen Instrumenten, im Dirigieren, Komponieren und Fantasieren recht gut bewandert. Er unterrichtete seinen Sohn mit einer inspirierenden Mischung aus Disziplin und fast anarchisch musikantischer Fantasie; er brachte ihm die ganz normalen Grundlagen bei und ließ ihn Dinge ausprobieren, die in keiner Musiklehre standen. George E. Ives kultivierte einen stolzen Freiheitssinn. Im Bürgerkrieg hatte er für die Verteidigung der Demokratie gekämpft. Charles Edward Ives’ Heimat war historischer Boden, und er war sich dessen bewusst. Landschaft, freiheitliches Engagement, Volksfeste zu politischen Feiertagen – und Musik in allen erdenklichen Formen gehörten für ihn seit seiner Kindheit zusammen. An der Universität polierte er das tonsetzerische Handwerk, ohne das keine Vision Klanggestalt gewinnen kann. Wie in seinem Geschäftsleben verband er als Komponist freiheitlichen Stolz und soziales Verantwortungsbewusstsein mit starker Fantasie und präziser Intelligenz. Er komponierte Hörbilder von Landschaften. Manche populäre Melodie, auch zwei oder drei, die aus verschiedenen Richtungen zu kommen scheinen, mischen sich in das, was er der Natur ablauschte. Er entwickelte seine Werke in Ruhe, arbeitete meist an mehreren nebeneinander, und das zum Teil über Jahre. Der unternehmerische Erfolg gab ihm Unabhängigkeit vom Musikbetrieb. Ives’ Musik, das ist Amerika, nicht stur, nicht engstirnig, nicht bigott und machtbesessen, sondern von seiner anderen, schönen Seite her betrachtet: ein Land der Weite – geographisch, menschlich, kulturell. Dieses Amerika verdient, in Erinnerung gerufen zu werden.


Lollypops? Auch heute neigen wahrscheinlich etwa 83% der sogenannt besten musikalischen Programme – also diejenigen der großen städtischen Sinfonieorchester, der Ausbildungsstätten und der Oper – mehr zur Verhätschelung als zum rauen Pfad bergauf. Und 98 1/4 % aller Radiomusik ist noch schlimmer als Verhätschelung – es ist der einsilbige Klatsch für Schlappohren und -mägen, leichte Kost für ihre Körper, und im Grunde genommen eine Kunst, die sich für das Kommerzielle prostituiert. Die Menschen (Frauen wie Männer) sind so veranlagt, dass sie zuerst jeweils geneigt sind, eher das (für Ohr und Auge) Leichte als das Schwierige zu kaufen. In ihrer Haltung gegenüber der Kunst im allgemeinen und der Musik im speziellen gleichen sie dem fünfjährigen Knaben, der zum Frühstück herunterkommt. Er sieht zwei Tische im Esszimmer: an Tisch Nr.1 Lutscher und Bonbons, an Tisch Nr. 2 Haferbrei. Wenn es nach seinem Willen geht, setzt er sich an den Tisch Nr.1. Doch die meisten Knaben können nicht immer ihren Willen haben (im Gegensatz zu den Radioleuten). Deshalb setzen sich die meisten an den Tisch Nr. 2 und werden mehr oder weniger stark und kräftig. Im Bereich der Musik und weitgehend auch der Literatur und der Kunst allgemein setzt sich die Mehrheit der Leute immer noch an den Tisch Nr. 1 (Bonbons etc.), denn der Präsident, die Direktoren und die Aktionäre der Rollo-Gesellschaften* sind schwache Schwestern und nicht starke Väter und Mütter – und es lässt sich mit der Nr. 1 mehr Geld machen, da sie sich besser verkauft. Man betrachte nur die Gesichter der Leute, die jeden Abend ins Kino gehen, am Morgen danach. –

Lebensunterhalt mit Musik verdienen? Vater fand, dass ein Mensch sein musikalisches Interesse stärker, reiner und freier erhalten könne, wenn er nicht versuche, damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn ein Mann allein und ohne Familienangehörige lebt und niemanden außer sich selber zu ernähren hat, wenn er also so einfach lebt wie Thoreau – dann kann er Musik schreiben, die niemand spielen, veröffentlichen, hören oder kaufen muss. Hingegen – wenn er eine feine Frau und feine Kinder hat, wie kann er es dann verantworten, dass seine Kinder möglicherweise an seinen Dissonanzen zugrundegehen – sag mir das einmal, Eddy! Er muss also nachgeben (was er als richtiger Mann seinen Kindern zuliebe gerne tut), aber nun geht dafür seine Musik (mehr oder weniger) zugrunde – sie wird zu einem kommerziellen »Trari-trara« – was schlecht für ihn und die Musik insgesamt, aber immerhin gut für die Kinder ist!!
Charles Ives

* Rollo ist die Hauptfigur in einer Serie von didaktisch motivierten Jugendbüchern des Religionslehrers Jacob Abbot [1803–1879], ein braver, wissbegieriger Junge, der für Charles Ives zum Symbol der Engstirnigkeit und Phantasielosigkeit schlechthin wurde.

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