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| Interview mit Winrich Hopp
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Manhattan und die Alpen. Lebensform Musik

Winrich Hopp, Künstlerischer Leiter des musikfest berlin
Das Gespräch führte Christiane Tewinkel

Was gefällt Ihnen an der Arbeit als künstlerischer Leiter des musikfest berlin?

W.H. Musik ist für mich eine schöne Form, mit Menschen zusammen zu arbeiten, zu leben und – natürlich – auch zu feiern. Das Konzert ist eine besondere Form von Geselligkeit. Dass man sich für zwei oder mehr Stunden den Musikern und der Musik, die sie – im Wortsinne – körperlich hervorbringen, widmet und konzentriert zuhört, dass man mit Auge, Ohr und Sprache an dem, was auf der Bühne, im Saal oder wo auch immer dargeboten wird, teilnimmt und sich darüber verständigt: das ist der Dreh und Angelpunkt von allem Planen, Organisieren und Realisieren. Das Orchester gehört – neben Oper, Theater und Kino – zu den komplexesten, größten und vielgestaltigsten »Maschinen«, die die abendländische Musik und Kultur zur Herstellung von Vorstellungen und Emotionen hervorgebracht hat. Die Arbeit mit einem Orchester habe ich in extenso beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in München kennen und schätzen gelernt. Das war sehr kreativ.

Wie erleben Sie die Arbeit mit den Berliner Orchestern?

Angenehm und aufgeschlossen. Das ist ein Geben und Nehmen: sowohl was die Ideen als auch die Organisation der Dinge betrifft, die man sich gemeinsam vorgenommen hat. Wer mitmacht, macht gerne mit. Das gilt auch für die Tourneeorchester.

Woher rührt diese Begeisterung für das musikfest berlin?

Man ist froh und stolz, dass es dieses Fest gibt. Die Hauptstadt Berlin zeigt sich von ihrer gastgebenden Seite. Und die internationalen Orchester kommen gerne nach Berlin. Gastfreundlichkeit ist auch die Voraussetzung dafür, selbst im Ausland wahrgenommen und eingeladen zu werden. Man möchte etwas gemeinsam kreieren, durchaus auch in einem agonalen Sinne. Und wie jedes Spiel und jeder Wettkampf auf Regeln der Übereinkunft basiert, so gibt es auch bei einem Festival eine Übereinkunft, und das ist das Programm. Die Übereinkunft der beim musikfest berlin 07 beteiligten Orchester lautet »Debussy – Ives – Varèse«.

Wie kam es zum diesjährigen Schwerpunkt »Debussy«?

Als der Intendant der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, die künstlerische Leitung des musikfest berlin zu übernehmen, erzählte er mir, dass Sir Simon Rattle gerne Debussys spirituelles Hauptwerk Le Martyre de Saint Sébastien, seine Antwort auf Wagners Parsifal, aufführen wolle. Als ich das hörte, habe ich gestrahlt! Debussy steht für einen einzigartigen Aufbruch in die Moderne. Edgard Varèse wurde von ihm beeinflusst, der in Berlin wiederum von Richard Strauss gefördert wurde. Allein die Schiffssirenen, diese maritimen objets trouvés vom Hudson River, die Varèse in Amériques, seinem musikalischen »Porträt« der Stadt New York, integrierte! Sind sie in den orchestralen Klang nicht eingewoben wie die Almglocken in Strauss’ Alpensinfonie? Eine merkwürdige Affinität zwischen der zerfurchten alpinen Bergwelt und den von Skyscrapern geschaffenen urbanen Canyons wird da hörbar. Das hat Adorno ja sogar von den Orchestern selber gesagt: Sie seien wie die »Skyline von Manhatten, imposant und zerrissen in eins«. Und Simon Rattle beschrieb sie wiederum als »tektonische Platten«. – Also, die Musik Debussys ist der französische Nucleus, der im Festivalprogramm die Musik Wagners in Erinnerung ruft und zugleich die von Varèse anstößt, dessen abenteuerlicher Lebensweg ihn von Paris nach Berlin, schließlich nach New York führte. Und natürlich habe ich mich bei der Entwicklung des Programms mit Romain Rolland und seinem Jahrhundertroman Jean Christophe beschäftigt. Dessen gleichnamiger Protagonist ist nicht nur Beethoven und Strauss nachempfunden, sondern auch Edgard Varèse, diesem »mythischen Orkan«, wie Boulez ihn einmal nannte. Und in New York einmal angekommen: Was wäre das musikalische Bild dieser Stadt ohne Charles Ives, den großen Vater der amerikanischen Musik, ohne Morton Feldman, der als Kompositionslehrer die Edgard Varèse-Professur an der State University of New York in Buffalo innehatte und zu einer Kultfigur der Musik des späten 20. Jahrhunderts wurde?

Kann denn ein einzelner Komponist es leisten, ein ganzes Festival zu bestimmen?

Natürlich kann man einem Komponisten ein ganzes Festival widmen. Aber ich glaube, das Publikum hat es gerne lebendiger als sich zwei Wochen lang Abend für Abend mit nur einem Komponisten beschäftigen zu müssen. Ich arbeite gerne mit Konstellationen und den damit verbundenen Stimmungen und Atmosphären – reale, imaginäre, irdische, himmlische, geschichtsträchtige, phantastische, urbane, pastorale oder wie auch immer. Konstellationen, die aus sich selber etwas zu erzählen beginnen. Deshalb begegnet die Musik von Debussy, Ives und Varèse Werken von Wagner, Feldman, Mussorgsky, Schostakowitsch, Carter, Ravel, Bartók, Dvořák, Mahler, Henze, Busoni, Rihm, Strauss, Nunes, Sibelius, Chausson, Strawinsky und – natürlich – auch Beethoven, diesem »Rübezahl« der Musik, um an eine Charakterisierung von Adorno zu erinnern. Musik sollte nie unter den programmatischen Druck geraten, sich einem irgendwie gearteten Thema »unterordnen « zu müssen. Damit belaste ich Kunst. Das Programm muss ermöglichen, dass die Werke aus sich selbst wirken. Der beste Kontext ist der, der den Werken in der Aufführung zu ihrer Eigenmacht verhilft, aber eben: Das können sie nur miteinander.

Ein Musikstück ist wie ein Mensch, der unzählige Eigenheiten hat, vielschichtig und unergründlich ist. Deshalb kommt in den Werken auch all das vor, was das Leben bietet. Das ist etwas, was man bei der Programmentwicklung beachten sollte. Sie sind stets mehr als das, was man mit ihnen gerade vorhat. Dass nicht nur die Interpreten die Werke, sondern auch die Werke sich einander »wach küssen«, – also das wär’ schon was.

Man muss bei den Verbindungen, die Sie knüpfen, fast an die alte Fama denken, dass man über sieben Personen mit jedem Menschen auf dieser Welt in Kontakt treten kann. Ist es nicht bloß ein intellektuelles Spiel, Beziehungsnetze zu spinnen?

Nein, wenn schon ein Spiel, dann ein sinnliches, und wenn schon sinnlich, dann nicht bloß sinnlich, sondern sogar sinnlich, – wie Jeux von Debussy! Ich bin als Programmmacher weder Wissenschaftler noch Musiker. Ich bemühe mich, mit einer Vielzahl von Aspekten umzugehen, durch die das Konzertleben einer Stadt geprägt ist. Als Veranstalter möchte ich Menschen begegnen, Zuhörern, Musikern. Ich möchte mit Musik Kommunikation, Geselligkeit stiften, aber das kann ich nur mit anderen. Und die Werke und das Programm werden hierbei gleichsam zu einem Instrument, musikalisch Öffentlichkeit zu generieren. Das ist jedes Mal eine unerhörte Bewährungsprobe nicht nur für die Musiker, sondern auch für die Werke: Sie müssen es schaffen, den jeweiligen Konzertabend, die Veranstaltung durchzuhalten und zu tragen. Die Lust und die Freude am Musikmachen, dieses Feuer, das die Werke zum Leben erweckt, muss auch auf das Publikum übergreifen. So wie das Publikum wegen der Musiker und Programme kommt, so spielen die Musiker für das Publikum und so sind auch die Werke für die Zuhörer da. Ganz einfach so, wie eben Menschen füreinander da sind – oder doch da sein sollten.

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