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Die wahre Freiheit kommt von der Natur. Die Klangwelt des

Claude Debussy

von Rainer Peters

Claude Debussy, der mit allen Wassern der Décadence gewaschene Ästhet, der unzugängliche Individualist und jugendliche Freischärler am Pariser Conservatoire, war ein Verächter akademischen Regelwerks, kompositorischer Konventionen und ihrer wortreichen Exegesen. Schicksalssinfonien und die vermeintlich hegelianische Dialektik der Sonatenform waren ihm – samt teutonischer Geistestiefe – ein Greuel oder langweilten ihn zumindest. Schon »seit Beethoven « schien ihm »der Beweis für die Nutzlosigkeit der Sinfonie erbracht zu sein«. Deshalb mied er diese Gattung. Seine unvermeidlichen Annäherungen daran nannte er mit Vorsicht oder Understatement ›sinfonische Suite‹ (Printemps), ›sinfonische Skizzen‹ (La Mer), oder ›sinfonisches Triptychon‹ (Nocturnes).

Diese nächtlichen Stücke mit ihrem vokalisensingenden Frauenchor im Finalsatz sind keineswegs in Anlehnung an die träumerischen Klavier-Lyrismen von Chopin oder Field entstanden. Die Suche nach Debussys Inspirationsquelle führt uns an einen der Entstehungs- und Diskussionsorte von Art Nouveau und Symbolismus: in Stéphane Mallarmés Salon an der Rue de Rome, wo Debussy bei den berühmten ›Mardis‹, den dienstäglichen Kunst-Diskursen, auch dem Maler James Abbott McNeill Whistler begegnete, dessen Neigung zu den Schwesterkünsten Musik und Literatur nicht weniger stark war als die Debussys für Malerei und Literatur. Whistler hatte nicht nur einigen seiner Bilder synästhetische Titel gegeben – wie Symphony in White oder Nocturne in Blue and Silver – sondern auch kunstästhetische Überlegungen veröffentlicht, die sich mit denen Debussys bis ins Detail deckten. Beide sprachen von einer ›beauté complète‹, die – eine keines Kommentars mehr bedürftige, vollkommene Schönheit – nur noch Schweigen nach sich ziehen könne, beide träumten von ›harmonies futures‹, einer mystischen Vereinigung von Natur und Kunst, denn: »La nature a toujours raison.« Auf sie zu lauschen und das Erhörte in unerhörten Klang zu transformieren – damit ließ sich jene Freiheit erreichen, die der Komponist und sein Alter Ego ›Monsieur Croche‹ stets für sich reklamierten: »… ich bin für die Freiheit. Die wahre Freiheit kommt von der Natur.«

Debussy bietet häufig Anlass, an Nietzsches Pathos der Distanz zu denken, nicht nur bezogen auf sein aristokratisches Fremdsein gegenüber einer banalen Umwelt. Auch seinen Sujets, ja seinen Personen steht er distanziert gegenüber. Von seinen Opernfiguren wollte er, »dass sie sich – abgelöst von mir – aus sich selbst heraus ausdrücken«. Zu seinen musikalischen Lieblingsschauplätzen hatte er raum-zeitliche Distanz. Im Spanien seiner so authentisch klingenden Iberia war er nur ein einziges Mal, in Griechenland ebenso wenig wie in Ägypten oder auf Bali. Die zärtliche Erinnerung ans Mittelmeer bewahrte er sich von einem einzigen Kindheitsbesuch in Cannes. La Mer ist zu großen Teilen in der Kanalhafenstadt Dieppe entstanden, am Atlantik, dem Debussy mit Hut, Rock, Weste und Spazierstock Besuche abstattete und der ihm nicht annähernd so vertraut war wie den komponierenden Marineoffizieren Albert Roussel und Jean Cras. Aber die Distanz gab ihm auch die Gelegenheit, seine Schauplätze »mit der Seele« zu suchen, der Imagination Raum zu geben, nicht Abbilder, sondern ›Evokationen‹ zu komponieren, der ›divin arabesque‹ alle und der Darstellung persönlicher Befindlichkeiten keine Aufmerksamkeit zu widmen.

Mit dem Le Martyre de Saint Sébastien scheint Debussy, der Wunschkomponist für den Librettisten Gabriele d’Annunzio, den religiösen Komponisten in sich zu entdecken. Das ›Episkopat von Paris‹ jedenfalls meint vor dem Werk warnen zu müssen und erinnert daran, »dass auf dem letzten Kongress der Diözese den Katholiken dringend anempfohlen wurde, Theateraufführungen, die das christliche Gewissen verletzen, fern zu bleiben.« Der Martyre von Debussy/d’Annunzio sei offenbar darauf aus, »die Lebensgeschichte eines unserer glorreichsten Märtyrer unter den unwürdigsten Umständen zu entstellen.« Man sei schlecht informiert, erwidern die beiden Autoren und versichern, »dass dieses tief religiöse Werk nach unserem Glauben und demjenigen all derer, die es kennen, nicht nur den verehrungswürdigen Geist Christi, sondern den ganzen christlichen Heldenmut verherrlicht «. Debussy selber schließlich bekennt, der Stoff des Martyre habe ihn »vor allem wegen seiner Mischung aus lautem, prallem Leben und christlichem Glauben« gefangen genommen. Die Musik habe er dazu geschrieben, als ob sie ihm »für eine Kirche aufgetragen worden wäre«. »Ich habe dekorative Musik gemacht, wenn Sie so wollen, die Illustrierung eines edlen Textes in Klängen und Rhythmen«. Gewiss: »Wir besitzen nicht die gläubige Seele von ehedem. Ist der Glaube, den meine Musik ausdrückt, orthodox oder nicht? Ich weiß es nicht. Es ist mein Glaube, der meine, der mit aller Aufrichtigkeit singt.«

Debussys Musik ist klanggewordener Pantheismus. Wasser, Wolken, Nebel, Licht, Dämmerung, Landschaft, Mond, Wind, Düfte, Jahreszeiten, Gärten werden in die »göttlichen Arabesken« umgewandelt, die Debussy bei Johann Sebastian Bach entdeckt haben wollte – dessen Kompositionen besäßen »die Unfehlbarkeit eines Organismus «. Auf einen solch morphologischen oder vegetativen Unfehlbarkeits-Anspruch bewegt sich Debussys Musik immer eindeutiger zu und macht sich dabei unabhängig von jeder ›Architektur‹. Sie trägt ihre Lebensgesetze in sich, entfaltet sich mit subtilem Sinn für Proportionen und hat – diesseits aller ethischen oder weltanschaulichen Anstrengungen – als ästhetische ›raison d’être‹ vor allem die harmonische und klangfarbliche Nuance im Sinn.

… Ich revolutioniere nichts, ich demoliere nichts. Ich gehe ruhig meinen Weg und mache, anders als die Revolutionäre, keinerlei Propaganda für meine Ideen. Ich bin auch kein Wagner-Gegner. Wagner ist ein Genie, doch auch ein Genie kann sich irren. Wagner verkündet das Gesetz der Harmonie, ich bin für die Freiheit. Die wahre Freiheit kommt von der Natur. Alle Geräusche, die Sie um sich herum hören, lassen sich in Töne fassen. Man kann musikalisch alles ausdrücken, was ein feines Ohr im Rhythmus der Welt wahrnimmt, die es umgibt. Gewisse Leute wollen sich zuallererst nach Regeln richten. Ich für meinen Teil will nur das wiedergeben, was ich höre. Es gibt keine Debussy-Schule. Ich habe keine Schüler. Ich bin ich.

Schauen Sie, wie man sich täuschen kann. Die einen sehen in mir den melancholischen Nordfranzosen. Andere den Repräsentanten des Midi, der Provence, Daudets, tirili, tirila! Dabei stamme ich ganz einfach aus St-Germain, eine halbe Stunde von Paris entfernt.
Claude Debussy, 1910

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