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20 Kilo Dramen

Einmal saß ich in einem ICE von Stuttgart nach Berlin, der auf einer kleinen Zwischenstation im Frühlingsschnee steckengeblieben war. Der Zug hatte bis dahin schon 55 Minuten Verspätung – zwei Züge vor ihm waren ausgefallen. Der Waggon war mit schlafenden und schreienden Babys, Bundeswehrsoldaten in Uniform, reisenden Rentnern und Bier trinkenden Vollbartträgern überfüllt. Auf den zugeschneiten Bahnsteigen warteten noch viel mehr Menschen in Schnee bedeckten Mänteln auf die hoffnungslos verspäteten Züge. Hessen sah auf einmal aus wie Russland, nur dass man hier diese Wetterlage nicht als Winter, sondern als „Schneechaos“ bezeichnet. Die besorgte Schaffnerin warnte die Passagiere alle fünf Minuten durch die Lautsprechanlage, ja freundlich miteinander umzugehen, Mitleid mit den Passagieren der ausgefallenen Züge zu haben, die sich nun in unserem Zug befanden, und unsere Gepäckstücke von den Sitzen zu nehmen. Als einziger im Waggon freute ich mich über die Verspätung: Ich hatte bis Berlin noch genau fünfunddreißig Theaterstücke zu lesen. Mein Gepäck – 20 Kilo Dramen – lag auf zwei Sitzen und zwei Haufen verteilt: „deutschsprachig“ und „international“. Niemand wagte es, sich daraufzusetzen.

Theaterstücke taugen schlecht als Reiselektüre, spannende Abenteuer oder witzige Beobachtungen kommen in ihnen selten vor. Man muss starke Nerven haben, um wenigstens eines ganz durchzulesen. Theaterstücke bestehen in der Regel aus Dialogen, die sich über mehrere Seiten hinziehen und oft keinen Sinn ergeben. „Margot: Zieh! Zieh! Heinz: Ja ja. Margot: Zieh! Moritz: Stirb! (Orgasmus). Tot. Heinz: Gut. Margot: Danke. Heinz: Schon gut. Margot: Gut. Ja. Wie geht es Dir?“ – und so weiter und so fort. Natürlich ergeben sich irgendwann aus diesen Gesprächen Handlungen und manchmal sogar interessante Geschichten, doch bis dahin dauert es. Jedesmal wenn mir Heinz und Moritz über den Kopf wuchsen, wechselte ich ins Raucherabteil, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Dort saßen Menschen, die ganz ähnliche Dialoge führten – als wären sie einem der Theaterstücke auf meinem Sitz entsprungen.

In solchen Phasen beginnender Verzweiflung stellte ich mir die Frage, wer oder was mich zum Teufel überhaupt in diese Stückemarkt-Jury reingeritten hatte. Ich bin weder Dramaturg, noch gehe ich oft ins Theater. Sofort fand ich, wie für alles im Leben, jede Menge Gründe für diese neue, ulkige Beschäftigung. Zum einen ist Frau Büdenhölzer, die mich in die Jury eingeladen hatte, sehr sympathisch. Sie gehört zu den Menschen, denen man immer zustimmen möchte. Zum anderem stellte ich mir eine Jury-Mitgliedschaft als eine ganz entspannte Tätigkeit vor. Ich dachte, meine Aufgabe wäre es, einige russische Dramen zu beurteilen und im Übrigen auf dem gemeinsamen Jury-Foto freundlich zu lächeln. Den Rest würden die anderen Juroren schon erledigen, eine hochprofessionelle Gruppe Menschen, die tagtäglich mit dem Wesentlichen des Theaters zu tun haben: Dramaturgen, Regisseure, Autoren.

Ich habe das Ganze unterschätzt. Vor allem aber habe ich meine Landsleute unterschätzt. Die russischen Autoren, so scheint es, schreiben jeden Tag vor dem Frühstück und zu jedem Anlass Theaterstücke. Eine kleine Auseinandersetzung in der Straßenbahn? Schwups – ein Theaterstück. Der Titel: „Ein Mann sieht rot.“ Eine unglückliche Liebesbeziehung? Zwei Theaterstücke und dazu noch ein Hörspiel. Auch die deutschen Autoren habe ich unterschätzt. 557 Einsendungen bekam der Stückemarkt. Wir sollten aus diesem Stückemeer sechs Perlen auswählen. Jeder hatte am Ende eine Liste mit Favoriten, die verlangten, ausdiskutiert zu werden. Es war kein einziges Stück dabei, das mehr als drei Juroren-Stimmen bekam. Die Uneinigkeit kann man mit recht als Charakteristikum unserer Jury bezeichnen. Jeder hatte überdies in der Endrunde etwas ganz Persönliches aus dem gleichen Material herausgelesen. Für mich ähnelten die meisten Stücke einem klassischen Albtraum, ich habe oft solche Träume: Gute Bekannte in einer vertrauten Umgebung machen irre Sachen und geben sich nicht die Mühe, ihr Verhalten zu erklären. Beinahe alle Phobien und Ängste der Gesellschaft kamen zum Ausdruck. Die Angst vor dem Tod, vor Terrorismus, Arbeitslosigkeit, Verwüstungen, Versagen … Dazu auffällig viele Stücke mit Kindern. Kinder, die ihre Eltern suchen, Kinder, die an einem tückischen Virus sterben, Kinder die Amok laufen, Kinder, die keiner haben will, Kinder, die über vierzig sind. Alles, was einem besser nicht passieren sollte, hatten die Einsender vor, auf die Bühne zu bringen.

Mir wurde aus dieser umfangreichen Lektüre überdeutlich klar, was für eine volksnahe Kunstgattung Theater doch eigentlich immer noch ist. Trotz ständiger Versuche, es als elitäre Kunstform zu etablieren, wird die Bühne von den Autoren nach wie vor als ein Ort wahrgenommen, auf dem sich die Massenmacken und -hysterien austoben dürfen. Nicht umsonst wird in Holland Theaterspielen sogar von Ärzten verschrieben – es ist gut für die Nerven und hilft gegen Stress und Depressionen. Davon können die deutschen Depressiven nur träumen. In Berlin, das weiß ich aus erster Hand, dürfen sie zu Therapiezwecken höchstens in einem speziellen Raum Schlagzeug spielen.

Dafür fängt das Theater in Deutschland sehr früh an. Bereits im Kindergarten werden regelmäßig Theateraufführungen organisiert. Eine Bühne wird aufgebaut, jedes Kind bekommt Häschenohren an den Kopf gebunden, sein Gesicht wird bunt bemalt und ab geht die Schau. Die Erzieherin spielt Gitarre, die Kinder versuchen, sich hintereinander zu verstecken. Die Eltern klatschen und rufen dazu: „Drück dich nicht, komm nach vorn!“, wobei jeder natürlich sein eigenes Häschen meint. In der Schule geht es dann mit Shakespeare und Kleist weiter. Die Schüler müssen einen ihnen fremden, um nicht zu sagen unverständlichen Text auswendig lernen und ihn zu einem vorher festgelegten Zeitpunkt aufsagen. So werden die Kinder hier frühzeitig zu Rampensäuen gemacht. Wenn sie erwachsen sind, werden sie Schauspieler oder Regisseure – oder sie schreiben Theaterstücke und schicken sie zum Stückemarkt.

Wir haben dann doch noch nach vielen Stunden sechs total verrückte Stücke ausgewählt und Champagner darauf getrunken. Und später noch Bier, Korn, Wein und Cognac – selbst bei der Getränkeauswahl gab es keine Einigkeit in der Jury. Ich bin sehr froh, dass wir es geschafft haben. Nebenbei bemerkt habe ich selber mal in Deutschland Theater gespielt. Da das gerade zum Thema passt und ich auf dieser Seite noch ein bisschen Platz habe, möchte ich davon berichten. Als ich 1990 aus dem frostigen Moskau in dieses Theatermekka kam, wurde mir vom Arbeitsamt Prenzlauer Berg sofort eine Theaterstelle vermittelt. Damals bekämpfte das Arbeitsamt die Arbeitslosigkeit mit Theaterstellen. Im Westen war man zudem immer davon überzeugt, das Beste, eigentlich sogar das einzig Gute an der DDR wären ihre Theater gewesen. Deswegen bekamen zahlreiche Theaterprojekte nun großzügig staatliche Unterstützung. In jeder Kneipe saß ein imposanter, schnurrbärtiger Theatermacher mit Pfeife und Whiskeyglas, der regelmäßig ABM -Stellen zu verteilen hatte. Und so wurde ich Mitglied einer hochbegabten Off-Theater-Gruppe. Ich glaube, es war ein Bewegungs-Tanztheater, auf alle Fälle mit kleinen Sprechtheaterelementen und großem pyrotechnischen Aufwand. Bei unserer ersten Premiere in Berlin steckten wir gleich ein leerstehendes Haus in Brand – und erhielten dafür den begehrten „Theaterpreis für freie Bühnen“.

Hauptsächlich spielten wir in der Kulturbrauerei aber auch an öffentlichen Orten: unter der Gleimbrücke, am Rand des Teutoburger Platzes, inmitten von Marktplätzen, vor Rathäusern und Kaufhallen oder einfach so – auf der Straße: immer mit sehr viel Publikum. Nirgendwo habe ich eine derart theaterinteressierte Bevölkerung erlebt. Bei diesen Veranstaltungen unter freiem Himmel durfte ich, damals konnte ich nur holprig deutsch sprechen, in einem modernen französischen Drama den Teufel spielen. In schwarzen Klamotten, mit einer Maske auf und einer brennenden Fackel in der Hand lief ich um den Platz und gab dabei mein inneres Ich preis. Die freundlichen Zuschauer verfolgten mein Spiel, die Tatsache, dass ich noch nicht richtig sprechen konnte, fiel nicht weiter auf. Es war ja ein Bewegungstheater. Manchmal dauerten unsere Vorstellungen mehrere Stunden – ohne Pausen: Die Menschen gingen nicht nach Hause. „Hängt euch auf!“ riefen sie stattdessen, oder: „Geht doch arbeiten, ihr Flaschen!“ und „Kinder, Kinder!“. Mich hat diese Schauspielerei stark ermutigt. Es war der erste Schritt in meine berufliche Karriere.

Wladimir Kaminer

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