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Der alte Tänzer und ich haben Liebe gemacht
von Tomo Mirko Pavlovic

Drei alte Menschen sitzen plötzlich auf der schicken Couch eines gelangweilten Yuppie-Pärchens. Es ist gesetzlich, aber nicht erträglich: vor allem nicht für den jungen Mann, der die rechtmäßigen Eindringlinge reflexhaft hasst und sie unverzüglich zurück ins Heim verfrachten möchte. Man kann eigentlich nicht davon sprechen, dass hier zwei Lebensmodelle aufeinander treffen, denn die Alten sind, und das wissen sie selbst, bestenfalls Auslauf-Modelle. Alfons, ein melancholischer Tanzlehrer, Trude, deren erotische Wünsche mit den Jahren nicht an Vitalität verloren haben, und Meier, der geistig an der Westfront hängen geblieben ist. Sicher keine Gesellschaft, die sich irgendjemand wünscht, schon gar nicht in den eigenen vier Wänden. Selbst die drei Alten sind mehr durch Zweck als durch Neigung aneinander gebunden.

Aus dem Zusammentreffen der Generationen wird so etwas wie ein Clash der Kulturen. Dabei schreckt der Autor nicht vor Klischees zurück und entdeckt die Wahrheit über das Leben seiner Figuren in der Oberfläche. Von hier aus, von der Oberfläche her, beschreibt er sie, und das Unbehagen kommt aus der Erkenntnis, dass er sie nur von hier aus gültig beschreiben kann. Daraus erwächst für die nicht mehr ganz junge Frau Anne eine Konsequenz. Sie möchte nicht mehr ein Leben führen, in dem Zufriedenheit aus Gewissheit und Glück aus mangelnder Not gespeist werden. Sie selbst stellt den Kurzschluss her: Ihre Begegnung mit Alfons ist kein „boulevardesker“ Einfall des Schicksals, wie ihr Gatte Björn es sich gern zurechtlegen würde. Anne reagiert auf ein Gefühl des Vakuums in ihrem Leben. Sie öffnet die Tür ihrer überdimensionalen Luxuswohnung und hereingesaugt werden drei alte Menschen, die in ihrer Hinfälligkeit und in der Nichtigkeit ihrer kleinen Existenzen authentisch sind.

Welche erotische Ausstrahlung in der Wahrhaftigkeit eines alten Körpers liegt, hatte sie nicht geahnt, noch hatte Björn es sich in seinen schlimmsten Alpträumen vorstellen können. Die Frage: „Was hat er, was ich nicht habe?“ stellt sich überraschend neu, als die offensichtlichen Defizite des in die Jahre gekommenen Tanzlehrers eine ungeahnte Wirkung auf die von der maskulinen Selbstgewissheit ihres Mannes erschöpfte Anne entfalten.

Anne: Ich wollte wissen, ob ich klüger bin als andere meines Geschlechts, die für ihren Mut bestraft werden. Ich wollte arbeiten. Aber ich wollte auch ein schönes Badezimmer samt Bidet und Designer-Mischbatterie besitzen … Und jetzt gibt es dich … Und all das, was einmal eine reizvolle Richtung war, habe ich aus den Augen verloren.

Pavlovic schlägt sein Kapital aus dem provokativ eingefädelten Plot. Sein Thema interessiert ihn mehr als seine Sprache, sein Stoff mehr als seine Figuren. Was ihm dabei gelingt, ist wertvoll und eher selten in der Gegenwartsdramatik: Er macht Lust aufs Lesen und auch auf das Theater. Man mag den literarischen Wert einer Badezimmerszene zwischen Björn und Trude als bescheiden einstufen, ihre dramatische Qualität entschädigt für vieles. Und angesichts der anlass- und anliegenlosen Kunstfertigkeit vieler eingesandter Texte sei ein Bekenntnis zum Unausgewogenen gewagt. Der Mittelmäßigkeit zu entkommen ist ja gar nicht so leicht, und wenn man Haken schlägt, verlaufen die mal nach oben und mal nach unten. Es bleibt jedenfalls Bewegung in der Sache. Das ist für das Theater immer gut.

Andrea Vilter

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