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Allt ska bort – Alles muss raus
von Anders Duus (Schweden)

Anders Duus wuchs in Åmål auf, jenem „Åmål“, das Lukas Moodyssons bekanntem Film „Fucking Åmål – Raus aus Åmål“ den Titel gab. Man kann davon ausgehen, dass Duus’ westschwedische Heimatstadt auch das Vorbild abgab für Repefors, das Provinzkaff, in dem seine zweiaktige paranoide Verschwörungsfantasie spielt. Ein Ort, in dem niemand bleiben will, aus dem es aber kaum jemand schafft herauszukommen. Duus sagt, er habe Åmål sechs Stunden nach dem Schulabschluss verlassen. Seinen Figuren scheint der Absprung nicht so einfach zu gelingen: „Das ist Repefors! Da kann man noch nicht mal in die Ecke pissen, ohne das Muttern es beim Bäcker erfährt.“

Eine Clique von acht Freunden, alle um die 30, fast alle arbeiten in der einzigen Fabrik vor Ort, die seit über 50 Jahren den Lebensunterhalt in Repefors sichert. Als ein ausländischer Konzern die gut laufende Firma aufkauft und nach und nach abwickelt, beginnen die Bewohner sich dagegen zu wehren. Die Proteste verwandeln sich in einen regelrechten Bürgerkrieg, eine geheime staatliche Eingreiftruppe taucht auf und die Hockeymannschaft formiert sich zur Guerilla-Kampfgruppe „Maulwürfe“ und will das Geschehen aufhalten. Doch am Ende bricht die Dorfgemeinschaft auseinander, und jeder versucht nur noch sich selbst zu retten.

Franky, der „König von Repefors“, gewinnt bei einer TV -Show fünfundzwanzigtausend Kronen monatlich über einen Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren und haut ab. Er hat aber das Kleingedruckte nicht gelesen, mit dem er sich verpflichtet, in Krisenzeiten in der regionalen Eingreiftruppe zu kämpfen, und so steht er plötzlich kurz vor einem Angriff auf seinen Heimatort. Sein bester Freund Conny, der seinen Weggang nicht verkraftet hat, bleibt in der Stadt. Er wohnt mit seiner verwirrten Mutter Maggy zusammen, die ihre violetten Astern opfert, um Kartoffeln zu pflanzen. Pärra, den Kneipenbesitzer, und seine Frau verbindet eine Hass-Liebe. Im ständigen Streit um die durch den Hauskauf verursachten Schulden zertrümmern sie am Ende ihren Traum von einer gemeinsamen Familie. Die clevere Malin wird zwar an der Universität angenommen, verbaut sich ihre Chance jedoch aus Angst vor der eigenen Courage. Jörgen, der Außenseiter, der Connys Freund werden will, lässt sich schließlich als erster von den Gegnern kaufen und ist allein auf seine persönliche Rache bedacht. Und Edgren, Besitzer eines kleinen Geschäfts, wird das erste Opfer des gewaltsamen Aufstands.

„Alles muss raus“ gibt zunächst den Anschein einer realistischen Schilderung des postindustriellen schwedischen Alltags. Nach und nach lässt das Stück jeglichen Realismus hinter sich und entwickelt sich zu einer surrealen Fantasie. Am Ende herrscht Krieg, und übrig bleibt nur noch die alte Maggy, die das Geschehen ein Jahr später reflektiert. Das Stück ist voller wunderlicher Details wie Hass-Briefe vom schwedischen Königshaus oder einem Lotto-Gewinn getarnt als Söldnervertrag. Jeder einzelne der von Duus beschriebenen Menschen stellt sich die Frage: Wie und wo will ich eigentlich leben? Jeder hat seinen eigenen Traum von einem Leben außerhalb dieser tristen Arbeits- und Lebensgemeinschaft, bleibt aber in ihr gefangen. „Man zieht weg von Repefors, nicht aber nach Repefors hin.“

Yvonne Büdenhölzer

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