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Unter Päpsten

Das Theatertreffen hat ein Motto. Nach „Letzte Tankstelle vor der Wüste“ und „Vereinsheimat“ nun also: „Konzil“. Was hat das mit dem Theatertreffen zu tun?

Das repräsentative Festival des deutschsprachigen Theaterbetriebs will das Theatertreffen sein. Etwas Großes, Wichtiges, Bedeutendes. Und mehr noch: Per Motto verleiht man sich nun selbst das Recht, für die gesamte Theatergemeinde zu sprechen. Nichts Neues im Grunde; nur aufgefallen ist es bisher weniger. Im vollen Bewusstsein seiner Würde gibt sich das Theatertreffen heuer prunkvoll. Mit Gold, Brokat und Kardinalsfarben in allen Druckerzeugnissen. Schließlich sind wir Papst.

Nur, wer hat hier wen zum Papst gewählt? Ein Hauch Unfehlbarkeit weht durch die heil’gen Festspielhallen. Vorbei ist's mit der demokratischen Meinungsbildung, wie sie noch die „Vereinsheimat“ verhieß. Immerhin gibt es kaum exklusivere Gremien als ein katholisches Konzil: Die Laien, das Volk – nicht zugelassen als Diskutanten. Nun, auch beim Theatertreffen bekommt nicht jeder Karten. Und eingeladen wird auch nicht alles.

Iris Laufenberg, Leiterin des Theatertreffens, versteht das Motto jedenfalls als Anreiz zum Diskutieren. „Was ist uns heilig, was ist uns was wert?“, so steht’s im Programmheft geschrieben. Klingt schön politisch und gesellschaftlich höchst relevant. Man denkt an Leitkultur, die Wertedebatte und unser gutes altes Stadttheaterwesen. Um den „Geist der Gegenwart“ geht es dabei natürlich auch. Soll heißen: Das Theatertreffen als Konzil will veraltete Überzeugungen revidieren. Zu diesem Zweck finden sich im Festivalprogramm viele Diskussionen zu Themen wie Bürgerlichkeit, Werktreue und Geld – offensichtlich die Dogmen eines Theaters im Geist der Gegenwart.

Um wirksam Neues zu bedenken, bedarf es allerdings zunächst einer Standortbestimmung, und die soll das Programm liefern. Die Jury fasst die eingeladenen Inszenierungen unter den Begriff „Stillstandstheater“: „Außen Erstarrung, innen Erregung“. Die Auswahl ist der Jury ein Gesellschaftspanorama: Wir müden Spätbürger werden uns selbst vorgeführt.

Doch während die Inszenierungen laut Jury dem Stillstand mutig ins Auge sehen und ihm eine wache Aufmerksamkeit und vitale Verspieltheit entgegen setzen, flüchtet sich das Theatertreffen mit seinem Motto in vage Begrifflichkeiten. Religiös ist hier am Ende alles. So räsoniert man fleißig über Dogmen, Kritikerpäpste oder das Heilige in der Kunst. Im Foyer werden Theaterreliquien verkauft: Gretchens blonder Zopf als Trophäe für den Theaterliebhaber. Und die Besucher eint dabei, bitteschön, die „Sehnsucht nach dem Allerheiligsten, die wir gemeinsam verspüren“.

Hinter dem Motto verbirgt sich, so scheint es, der Wunsch nach einer neuen Gemeinschaft im Theater. Wichtig ist nicht der Begriff „Konzil“, sondern sein religiöser Beiklang, der Sicherheit und Orientierung verheißt. Doch anders als die „Vereinsheimat“, in der man es sich im letzten Jahr gemütlich machte, wirkt die tt-Gemeinschaft in diesem Jahr verordnet: einberufen zum Konzil. Öffentlichkeitswirksam wie die Themen: Man müsse, wird uns da verkündet, die Feuilleton-Debatten um „Ekel-Theater“ und Spiralblöcke streitlustig fortführen.

Was denn nun? Einigkeit oder Auseinandersetzung? Das Motto, aufgeladen mit über 2 000 Jahren Kirchengeschichte, verweist auf einen unabschließbaren Prozess von Verständigung und Konfliktaustragung. Die Dogmatisierung des Glaubens war begleitet von Abspaltungen und Machtkämpfen. Reihenweise wurden religiöse Fraktionen aus der Kirche ausgeschlossen. Kein Konzil ohne seine Ketzer. Im Jahre 1054 exkommunizierten sich der Papst in Rom und der Patriarch von Konstantinopel gegenseitig. Fast möchte man sagen: wie im Theaterbetrieb eben. Im Interview mit dem Rheinischen Merkur sekundiert Iris Laufenberg: „In dieser Szene sind sich ja viele spinnefeind, aber es kommen selbst viele von denen, die das Theatertreffen hassen.“ Da braucht es kein Konzil, sondern eine Schlichtungskommission. Andererseits darf man gespannt sein, wer sich zum Papst berufen lässt und wer wen als Ketzer brandmarkt. Kleiner Tipp: Bei der Pressekonferenz wurde die Legende kolportiert, dass weißer Rauch aufsteige, wenn die tt-Jury die Auswahl bekannt gibt. Ein paar Päpste gibt es schon.

Natürlich ist das alles höchst ironisch. Wer würde sich schon ernsthaft zum bedeutendsten Gremium der Theaterwelt ausrufen? Doch leider schützt die Ironie nicht vor Beliebigkeit, wenn man sie als Ausrede für Ungenauigkeiten nutzt. Wer die eigene Begrifflichkeit nicht ernst nimmt, darf sich nicht wundern, wenn die Botschaft nicht beim Empfänger ankommt.

Elena Philipp


LEXIKON

Konzil (per definitionem):

1) Kirchengeschichte: Ein Konzil (lat.: Beratschlagung, Zusammenkunft) bezeichnet eine Versammlung hoher kirchlicher Amtsträger, vor allem Bischöfe, zu theologischen Streitfragen. In der evangelischen Kirche wird von Synode (gr.: gemeinsamer Weg) gesprochen. Nach katholischem Kirchenrecht hat ausschließlich der Papst das Recht, ein Konzil einzuberufen. Das erste überlieferte Konzil der Kirchengeschichte ist das Apostelkonzil von 48/49 n. Chr. Dort wurde von den Aposteln der Jerusalemer Urgemeinde die für das Christentum zentrale Entscheidung über die Heidenmission getroffen. Daneben wurde verbindlich anerkannt, dass die Taufe zur Aufnahme in die Heilsgemeinschaft genügt.
Die bis dato letzten Konzile – das Erste Vatikanische Konzil (1869 bis 1870) und das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) – erhoben die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes zum Dogma und riefen zu pastoralem und ökumenischem Denken auf.
2) Hochschulwesen: in Sachsen, Thüringen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern das höchste beschlussfassende Gremium der Hochschulen.
3) wortverwandt: konziliant, umgänglich, zu Zugeständnissen bereit; Konziliarismus, die Auffassung, dass ein Konzil die höchste Instanz in der Kirche und somit auch dem Papst übergeordnet ist.
Petra Schönhöfer

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