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Ein Tier namens Lust: das Theatertreffen

Mai in Berlin. Im Tiergarten ein geschäftiges Summen und Sprießen, auf dem Wannsee werden wieder die Segel gesetzt, afrikanische Rhythmen überfluten den Mauerpark mit Fernweh, die Boulevards und Hinterhöfe voll flirrendem, grünem Leben. Neuer Saft, neue Lust. Endlich. Und die Berliner? Stehen sich vor der Kasse des Hauses der Berliner Festspiele stundenlang die Füße in den Bauch, um die erstandenen Tickets später wie Trophäen nach Hause zu tragen. Jedes Jahr dasselbe Ritual. Seit mehr als vierzig Jahren ein Kartengerangel sondergleichen, wie es sonst wohl nur Hertha BSC, die Berlinale oder die Rolling Stones auslösen können. Nun spielt das Theatertreffen, was sein Alter angeht, mit den Rock-Opas ja durchaus in einer Liga – allerdings mit einem Unterschied: Das Theatertreffen ist von herrlich beweglicher, sich unablässig wandelnder und wacher Substanz. Ein kaum berechenbares, störrisches Tier, das eigensinnig Menschen Jahr für Jahr anfällt: Theaterlust. Wo fände sie einen besseren Nährboden als in Berlin, dieser so theaterhungrigen, aufs Rampenlicht versessenen Stadt? Doch das Theater ist auch hier längst ein ganz schwerer Fall: Etats werden gekürzt, Spielpläne geglättet, Ensembles verstümmelt. Widerliche Notoperationen an einem Patienten, dem die Hoffnung fehlt und vor allem der Mut. Eine Tragödie.

Das Theatertreffen hingegen war immer anders: angefeindet, totgesagt, fast kaputt gespart – und trotz alledem bis heute von betörender Vitalität. Dabei ist gerade das Theatertreffen wie kaum ein anderes Kulturfest ein Kind der Krise und scheint diesen krisenhaften Geist wie ein Geburtsmal in seinem Wesen verankert zu haben. 1964 – seit drei Jahren konnte man dem Begriff „Mauer“ eine neue Bedeutung hinzufügen und auch um das westliche Berlin schloss sich nun ein Ring aus Stacheldraht und Beton. Beklemmende Zeiten. Das Drama der deutschen Teilung war zugleich auch Initialzündung für ein Theaterprojekt, das bis heute an Ausstrahlung und Eigenart seinesgleichen sucht. Ursprünglich war ein deutscher Schauspiel- und Opernwettbewerb geplant, dessen Austragungsort zunächst noch nicht feststand. Den Vorschlag brachte ein Intendant aus Frankfurt mit Blick auf sein Heimattheater ein, doch hatte der nicht mit der Pfiffigkeit der Berliner gerechnet, die ihm das Ruder unversehens aus der Hand rissen. Nur zwanzig Wochen später rief man einen deutschsprachigen Schauspiel-Wettbewerb in Berlin aus. Was für ein Gedanke: Eine geistige Nabelschnur für das isolierte Berlin! Eine Luftbrücke, die die kulturell ausgehungerten West-Berliner nicht mit Schokolade an Fallschirmchen, sondern mit Nährstoffen für den Geist versorgt: dem Besten, was die deutsche, so reiche Theaterlandschaft zu bieten hat. Die Sache hatte nur einen Haken: Das Theaterfest war damals auch in seinen besten Zeiten auf einem Auge vollständig blind, denn ostdeutsche Bühnenproduktionen konnten trotz intensiver Bemühungen jahrzehntelang nicht teilnehmen – ein bis Anfang der Neunziger Jahre tief empfundener Makel.

Das erste Theatertreffen fand im Herbst 1964 statt und war als „Berliner Theaterwettbewerb“ noch in die hiesigen Festwochen eingebettet. Schon damals wurden die zehn „bemerkenswertesten“ Aufführungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, einschließlich Österreich und der Schweiz, nach Berlin geladen. Diese beruhten auf Empfehlungen einer Jury, die ausnahmslos von Theaterkritikern gebildet wurde und in ihrem Urteil allein künstlerischen Erwägungen folgen sollte: ohne Seitenblicke auf die praktische und finanzielle Machbarkeit, den Publikumsgeschmack oder kulturpolitische Überlegungen. Diese Verfahrensordnung hat, wie Gerhard Jörder, Autor bei der „Zeit“ und langjähriges Mitglied der Jury, bei der Redaktionseröffnung der diesjährigen Festivalzeitung leidenschaftlich betonte, im Prinzip bis heute Bestand. Sie ist das Herz des Theatertreffens und blieb durch alle Krisen hindurch weitestgehend unberührt. Krisen gab es reichlich. Und Aufruhr, Bewegung, Wandel. Die 70er Jahre: Zeit der Phantasten – Zadek, Peymann, Palitzsch, Stein, Grüber, die damals beinah jedes Jahr und manchmal sogar mehrmals in den Top Ten vertreten waren. Die 80er Jahre: die Krise des Theaters und das vehemente Aufbegehren der Theaterleute gegen eine reine Kritikerjury. Und immer wieder die Schelte, die das deutsche Feuilleton schon rituell über die Juryentscheidung ergießt, obwohl es im Rückblick kaum wirklich fatale Fehleinschätzungen gegeben hat.

Ein Jahr nach der Gründung des Theatertreffens wurde das Internationale Forum junger Bühnenangehöriger ins Leben gerufen; zum 25. Jubiläum kam der Stückemarkt hinzu; seit letztem Jahr gibt es die Festivalzeitung, die uns Journalisten einlädt, unser Werkzeug zu schärfen und gemeinsam über die Möglichkeiten von Theaterkritik nachzudenken. Daneben Diskussionen, Publikumsgespräche, Premierenfeiern, Konzerte. Kein Festival, sondern ein lebendiger Ort, der Mut macht, die Sinne zu öffnen. Ein Ort der Zumutung gleichsam, der heilsamen Irritation und schieren Lust am Theater, der jedes Jahr im Mai zu bemerkenswert hinreißende, verstörenden, bizarren und zärtlichen Bühnenaugenblicke verführt.

Anja Lachmann

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