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Heiliger Schnickschnack

Uber den Weihrauch beim Theatertreffen und die Frage, was Rolex und Macbeth gemeinsam haben.

„Konzil oder der Streit ums Allerheiligste“ war das Motto des tt06 – doch wo wurde hier gestritten? Das Theatertreffen verlief so ritualisiert und störungsfrei wie eine katholische Messe. Oder ist der Messecharakter des Theatertreffens viel profaner? Wer am Haus der Berliner Festspiele vorbeigeht, könnte meinen, dort finde zur Zeit eine Messe für Schmuck oder Uhren statt. Überall liegen Hochglanzprospekte aus, ein goldener Kubus steht vor dem Eingang, und auf den Fenstern prangen schwungvolle Schriftzüge auf spiegelndem Untergrund. Steht da Rolex, Tissot oder Gaultier? Nein: „Macbeth“, „Drei Schwestern“, „Iwanow“ – Titel von Theaterstücken, die angepriesen werden wie Luxusware. Wie Labels, die es abzuholen gilt. Gold und Silber dominieren das Outfit des tt06, kombiniert mit knalligem Rosa, wie um zu sagen: Auch wir sind frisch, frech und rezipieren Popkultur. Fast ein wenig revolutionär. Wie die silbernen Fußball-Hocker und der Kicker im Foyer, geschmückt mit goldenen Troddeln – die Volksnähe der Elite. In dieselbe Kategorie gehören die Werbeartikel für die Messebesucher: Ein Quartett mit allen deutschen Stadttheatern, mit Glitzerstaub gefüllte Kugelschreiber, ein Spiralblock mit Logo und ein T-Shirt mit Theatertreffen-Wimpel für das Klassenlagergefühl. Wer braucht diesen hübschen Krimskrams? Sollten wir uns im Ernst zu Hause mit dem Quartett hinsetzen und die Theater nach Gründungsjahr und Ensemblestärke gegeneinander ausspielen? 228 Mitarbeiter der Berliner Schaubühne gegen 183 in Leipzig? In Theaterkreisen nennt man das Regieeinfall. Vielleicht ist Mut zur Schlichtheit zuviel verlangt. Natürlich ist auch Theater ein Produkt, und eine Messe muss vermarkten. Hier sollen Beziehungen geknüpft, Hierarchien gefestigt und Jobs verteilt werden – wer sich nicht profiliert, geht unter. Richtig entspannte Stimmung kann da gar nicht aufkommen, denn auch beim Smalltalk darf kein Fehler unterlaufen. Für Entspannung sorgt die Russendisko, die Stimmung macht, als gälte es, die schwerhörige Gesellschaft eines Kreuzfahrt-Dampfers zu beleben. Anstatt mit Heizdecken und Fußwärmern wird das Publikum mit Theaterreliquien versorgt. Wozu wird diese Lustigkeit verordnet? Warum nicht auf die Inhalte vertrauen, den Input, der von den eingeladenen Inszenierungen ausgeht? Das Theatertreffen könnte die Plattform sein, um über den Standort des Theaters in der Gesellschaft zu diskutieren. „Was ist uns heilig, was ist uns was wert?“ war die Leitfrage des Intendanten. In der Kirche ist Weihrauch für das Heilige reserviert – die Nebelschwaden, die der goldene Kubus abends ausspuckt, legen sich auf das Haus der Berliner Festspiele.

Irene Grüter

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