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STÜCK

Wahltag

Alle dürfen wählen. Einer wählt den Hass, der andere die Liebe, ein Dritter kann sich nicht entscheiden und lässt lieber seine Frau bestimmen. Der walisische Terrorist Vlad, sein zurück gebliebener Bruder Joseph, Mann, Frau – alles Figuren aus Paul Jenkins Drama „Natural Selection – Natürliche Auslese“, mit dem der britische Schauspieler, Dozent und Journalist zum tt stückemarkt eingeladen ist.

Jenkins hatte auch die Qual bei der Wahl seiner Sujets – und hat es sich einfach gemacht, bündelt, was an faschistoiden Ideen in unserer Zeit zu finden ist. Er zeigt die Dekadenz einer Gesellschaft, die sich vor Überfluss im Supermarkt nicht entscheiden kann, die Verblendung von ein paar antisemitischen Hinterwäldlern und den Wahnsinn eines Genforschers, der Kinder klont und Hominide züchtet. Sein Stück erzählt in losen Episoden, beginnend mit der skurrilen Therapiesitzung des Supermarktneurotikers. Der englische Text gibt eine schöne maulfaule Sprache und viel bösen Humor vor, typisch britisch, noch so ein Klischee. Wie die Terroristen, die Jenkins in der Perspektivlosigkeit der Unterklasse schimpfen lässt und damit zumindest eine Szene mit dem Ulk einer Gaunerkomödie schafft.

In der letzten Sequenz treffen alle Figuren aufeinander, im Besucherzentrum des Geninstituts, wo die aus dem Zug steigenden Touristen mit Gas aus der Sprenkleranlage ermordet werden. „Gemeinschaftsdusche“ heißt das in der deutschen Übersetzung von Bettina Arlt. Eine geschmacklose Erläuterung, und deplaziert, denn Jenkins selbst hat seine Kapitel nicht übertitelt.

Terrorismus, Genforschung und Holocaust – man wird das beklemmende Gefühl nicht los, dass hier so mancher Vergleich hinkt und dass Jenkins mit viel politischer Korrektheit eines vergessen hat: Jeder Vergleich relativiert.

Petra Schönhöfer

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