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Raus aus dem Haus!

Unterwegs in Berlin mit Wohnmobil, Campingtisch und Manuskript. Vier junge Dramatiker verlassen ihre einsamen Schreibzimmer und lernen schon nach einer Stunde Entscheidendes.
Eine Reportage von Karin Kontny


Sie sind ein wenig bleich und zu viert. Eine junge Frau, drei Männer. Kurz nach zehn am Bühneneingang vor dem Haus der Berliner Festspiele: Mit noch müden Augen blinzeln sie in die Sonne. Schriftsteller sind sie und gemeinsam mit John von Düffel, Autor und Dramaturg, werden sie auf Reisen gehen. Weg vom Schreibtisch. Rein ins Stadtleben mit dem tt talentemobil, eine silberne Arche auf Rädern. Elf Meter lang ist der amerikanische Caravan. „Alle einsteigen!“ ruft der Fahrer aus dem Bauch des Ungetüms den Wartenden zu. Für die nächste Stunde wird der Campingwagen im Riesenformat die vier noch eher unbekannten Dramatiker Simone Kollmorgen, Dirk Laucke, Sven Lange und Jannis Klasing mit ihrem Leiter John von Düffel wie Fische in einem Aquarium durch die Stadt lotsen, um sie eine Stunde später am Tiergarten wieder auszuspucken.

Der Duft von Kaffee und frisch gebackenen Muffins schleicht durch die Talente-Arche. Eine Bus-Assistentin serviert. Im Heck des Mobils macht es sich die Gruppe in einer hellgrünen Wildledersitzecke um einen Campingtisch bequem. So gemütlich es auch aussieht – ein Betriebsausflug wird es für die vier Schriftsteller zwischen einundzwanzig und Mitte dreißig nicht werden. „Wir sind zum Arbeiten hier“, erklärt John von Düffel und rückt seine Nickelbrille zurecht. Die Geste eines Dramatikers.

Die Tour mit dem Wohnmobil ist ein Workshop im Rahmen des Stückemarktes des Berliner Theatertreffens. Die Möglichkeit, eigene Texte vorzustellen und zu diskutieren. Auch ganz persönliche, in denen viel vom Autor selbst zu lesen ist.

557 Stücke wurden in diesem Jahr zum Stückemarkt eingesandt. Aus allen Texten wählte die Jury sechs aus, die in einer szenischen Lesung vorgestell werden. „Besonders hervorhebenswert“ befand die Jury aber außerdem sechs weitere Einsendungen. Sie werden in keiner szenischen Lesung präsentiert, an ihnen wird nun im Wohnmobil weitergedichtet. Vier Tage lang, verteilt auf zwei Wochenenden, dürfen die Dramatiker Düffel an den Texten werkeln. Schließlich geht es ja um das „Allerheiligste“ des Schreibers. Steht im Workshop-Programm.

„Jeder von Euch muss wissen, was er schreiben oder sagen will.“ Natürlich, denn „dass der Text und das, was Ihr meint, auch für andere deutlich ist, ist gerade am Theater entscheidend“. Meint Düffel. Die Vier in der Sitzecke nicken.

Jannis Klasing, mit einundzwanzig der jüngste Teilnehmer, hat für den heutigen Tag „Fremdkörper“ mitgebracht. Ein Stück über einen, der an nichts mehr glaubt und darum an der Welt wahnsinnig wird. Ein langer Monolog. Fünf eng bedruckte Seiten Manuskript, in dem er die Bilder des Wahns schildert. Singende Sägen. Ein Klopfen am Wannenrand. Die Straße im Dunkeln. Der Stapel mit Kopien des Stückes, das für eine fünfminütige Aufführung gedacht ist, liegt zwischen Milchtüten, Filzschreibern und Kaffeetassen auf dem Tisch. Mit Stiften nehmen sich die Vier den Wahnsinnstext vor, während der Bus in Richtung Potsdamer Platz tuckert. Eine Blaskapelle intoniert blechern „Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft“. Im Talentemobil beugen sich Jannis’ roter Haarschopf und die blonden und braunen seiner Mitstreiter über die Seiten. Ruhe und Konzentration sind die heiligen Regeln. In einem Caravan besonders.

Eigentlich sollte er die jungen Dichter an Kultorte des Theaters fahren. Eine Pilgerreise, schließlich steht das diesjährige Theatertreffen unter dem Motto „Konzil“. Irgendwie hat diese Idee nicht funktioniert. Die Fahrt zu den Kultorten im lärmenden Bus geriet zu lang für die Pilgerer, die ungestört über den Texten brüten wollten. Doch wohin mit dem von einem Verlag gemieteten Talentemobil und der Idee, aus der Schreiberklasse auszubrechen? So sitzen sie weiter in einem Bus, in dem es klappert. Die Schubladen am Küchenbuffet aus Chrom springen auf. „Ich will noch mehr Perspektiven in den Text einbauen, mehr Dialoge. Der sprechenden Person ein Gesicht und Gegenspieler geben“, formuliert Jannis seine erste Erkenntnis und versucht gegen den Buslärm anzukämpfen, „der Text ist sonst vor Publikum schwer aufführbar.“

Jannis schreibt, sagt er, schon seit er denken kann. Vor allem Kurzgeschichten. Ein Schreibworkshop in Hamburg vor fünf Jahren war die Initialzündung. Die ersten Stücke für das Theater entstanden als Jannis sechzehn war. Beim Dramatikerworkshop des Theatertreffens ist er jetzt zum ersten Mal dabei. „Zusammen an meinen Texten zu arbeiten, bringt mich weiter“. Sagt es, runzelt die Stirn und schenkt sich ein Glas Wasser ein, „man kann aus den eigenen Fehlern und denen der anderen lernen.“ Ein Privileg, das allein schreibenden Autoren selten vergönnt ist – das wissen alle Talente im Wohnmobil.

„Weil Theatertexte von anderen interpretiert werden, müssen sie klar sein.“ erklärt John von Düffel. Grundlagen für die Theatermacher von morgen. Während Düffel spricht, schiebt sich eine Kaffeetasse Zentimeter für Zentimeter über den Tisch. Eine scharfe Bremsung des Busses und ihr Inhalt schwappt über einen Manuskriptstapel. Wird Zeit, dass die Talente wieder festen Boden unter die Füße bekommen. Nächster Halt: Tiergarten. Die Stühle mitnehmen und ab in die Sonne! Ein bisschen Farbe im Gesicht hat noch keinem Schriftsteller geschadet.

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