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Spielen gegen die Sprachlosigkeit

„Die Begegnung zwischen einem Schauspieler und einem Text – das ist das Spannende.“ Laurent Chétouane richtet die szenische Lesung von Thomas Freyers Dramen-Erstling „Amoklauf mein Kinderspiel“ ein. Drei Tage Proben, eine einzige Vorstellung – ein exklusiver Programmpunkt des diesjährigen tt Stückemarkts.

Mit dem Namen Chétouane, einem gebürtigen Franzosen, verbindet man seit einigen Jahren Inszenierungen großer Klassiker an großen Bühnen, wie etwa „Don Carlos“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg oder „Iphigenie“ an den Münchner Kammerspielen. Man denkt bei seinen Arbeiten an Langsamkeit, Stille und Pathos und wundert sich, ihm nicht im Hauptprogramm zu begegnen.

Chétouane probt länger als die anderen beim Stückemarkt, auch weil er in der kleinen Bühnenform Lesung nur wenig Erfahrung hat. „Das Schwierige dabei ist, eine Lebendigkeit zu kriegen, wo das Textlesen zu einem Vorgang wird, der sich mit einer Situation mischt.“ Für Chétouane liegt die Stärke von Thomas Freyers Text in der fundamentalen und trotzdem spielerischen In-Frage-Stellung der Grundkonstanten unserer westlichen Kultur: „Besteht eine Kluft zwischen unserer Zeit und einem humanistischen Modell, das die Schule verkörpert? Da sind wir in der Werte-Debatte.“

Die Figuren des Stücks heißen E, T und C. Namenlose Jugendliche irgendwo im Osten Deutschlands, die als „et cetera“ der Gesellschaft zwischen Plattenbau und Kaufland in der Perspektivlosigkeit leben. Zu Hause Würstchengulasch und Fernsehen: „Es geht uns gut.“ Die zu Lethargie geronnene Selbsthypnose der Eltern. In der Schule „Humanismus seit 1906“. Seitdem scheint der Lehrkörper gelähmt zu sein – und mit ihm der Wertekanon einer veränderten Welt.

Es geht in dem Stück um die Orientierungslosigkeit in einer Welt ohne Weltbild. Die Jugendlichen spielen gegen die Sprachlosigkeit an. „Sie nehmen wahr, was nicht stimmt, aber das macht eher stumm. Wenn sie anfangen würden, sich zu analysieren, gäbe es dafür nur die Sprache des Feindes.“ Und das sind die Eltern, Lehrer – und Zuschauer, die bei Chétouane ungefragt die Rolle des Gegners bekommen.

Nico Schrader

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