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Mut zum Stillstand

Tobi Müller, Redakteur beim Zürcher Tages-Anzeiger, gehört zum dritten Mal zur tt-Jury, die zehn bemerkenswerte Inszenierungen eines Jahres für das Theatertreffen auswählt.

Tobi Müller, die Jury des Theatertreffens scheint ähnlich zu funktionieren wie der Schweizer Bundesrat: Sieben Menschen müssen einen Konsens finden. Kommen so überhaupt radikale Entscheidungen zustande?

Natürlich, absoluter Konsens ist in der Jury selten. In der Schlussdiskussion gibt es häufig Kippkandidaten; es kommt vor, dass die Meinungen im letzten Moment noch geändert werden.

Auf welche Kriterien beruft sich denn die Jury im Streitfall? Gibt es überhaupt Kriterien?

Nein, die gibt es nicht. In den Statuten steht nur, dass die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen ausgewählt werden sollen. Aber die Jury besteht ja aus Kritikern, und gute Theaterkritik geht nicht nach einem fixen Raster vor. Die Kunst der Kritik besteht darin, die Kriterien an jeder Aufführung neu zu entwickeln und dabei offen genug zu bleiben, um sich von Produktionen überraschen zu lassen, die genau diese Kriterien in Frage stellen. Gäbe es feste Kriterien, bräuchten wir keine Kritiker – dann könnten es auch Funktionäre machen.

Muss man Theaterkritiker sein, um in die Jury zu kommen?

Man kann es unmöglich nebenberuflich machen. Wir sehen in der Periode von Februar zu Februar pro Kopf zwischen 60 und 100 Inszenierungen – der Rekord liegt in diesem Jahr sogar bei 140 Inszenierungen. Vielleicht wäre es besser, weniger zu sehen, doch wir stehen unter dem dauernden Verdacht, nicht genug zu reisen – vor allem in die Provinz.

Müssen alle Juroren eine gewählte Inszenierung gesehen haben?

Nein. Mindestens vier müssen sie gesehen haben, doch meistens sind es alle. Der Austausch über die Inszenierungen läuft sehr rege, über Email, Telefon und auch über einen Blog. Zusätzlich treffen wir uns fünfmal pro Jahr in Berlin. Doch die Auswahl entscheidet sich erst in der Schlussdiskussion. Es gibt keine genauen Regeln, wie eine Einigung zustande kommen muss; bei umstrittenen Inszenierungen entscheiden manchmal kleine Mehrheiten.

Sind am Ende rein ästhetische Kriterien entscheidend, oder besteht der Anspruch, einen Überblick über die deutschsprachige Theaterlandschaft zu bieten?

Bei mir besteht ein solcher Anspruch dezidiert nicht. Wir kuratieren nicht ein Festival entlang an thematischen Leitlinien, sondern wir jurieren einzelne Produktionen. In diesem Sinn ist das Theatertreffen ein elitäres Treffen. Deswegen ist es auch möglich, dass manchmal einige Häuser oder Regisseure zweimal eingeladen werden, wie in diesem Jahr Jürgen Gosch. Wir sind keine „Ermöglicher“ innerhalb der Theaterszene, wir arbeiten mit dem, was wir vorfinden.

Die diesjährige Auswahl enthält keine großen Überraschungen. Gibt es zur Zeit keine neuen Namen zu entdecken?

Überraschend ist, dass viele Metropolen, die in den letzten Jahren immer dabei waren, wie Zürich, Wien oder Hamburg, in diesem Jahr nicht in Berlin sind. Auch viele Regisseure nicht, die entscheidend waren für Entwicklungen im Theater der letzten Jahre, zum Beispiel Falk Richter, Stefan Pucher oder Nicolas Stemann. Es könnte sein, dass das mit einer ängstlichen Konsolidierung innerhalb des Theaterbetriebs zu tun hat, dass die Zeit der grellen, überspitzten Innovation erst einmal vorbei ist, dass man sich zurückbesinnt auf moderatere Formen.

Eine beunruhigende Tendenz?

Das ist eine normale Dialektik in der Theatergeschichte. Mitte bis Ende der 90er Jahre hat man viel von Öffnung gesprochen, von Live-Art, von Poptheater, ohne genau zu verstehen, was das eigentlich bedeutet für die alte Institution Theater. Je mehr man die eigenen Grenzen überschreitet, desto mehr kommt die Sehnsucht auf, sie wieder neu zu ziehen oder neu zu bestätigen. Wahrscheinlich befinden wir uns gerade an dem Punkt, an dem sich das Theater reflexiv seiner selbst versichert. Zugegeben, ich finde das Theater ein wenig langweiliger, doch deswegen muss die Kunst nicht schlechter sein.

Ist die Angst größer geworden, Risiken einzugehen?

Ja, und diese Angst hat ganz klar ökonomische Ursachen. Man hat mehr Angst als vor fünf oder zehn Jahren, den Zuschauer herauszufordern, ihm etwas zuzumuten, das er vielleicht nicht sofort versteht. Ich sehe häufig Dramaturgien, die mich nach zwanzig Minuten langweilen, weil ich begriffen habe, worum es geht. Mich interessiert, was mir eine Inszenierung über den reinen Text hinaus vermittelt; dieses emanzipatorische Moment des Theaters kommt mir im Moment zu kurz. Eine weitere Tendenz besteht darin, dass man wieder vorsichtiger umgeht mit dem, was man postdramatisches Theater genannt hat. Man bevorzugt wieder konventionellere Ästhetiken. Das hat den Effekt, dass es eine Garde gibt von Regisseuren zwischen 40 und 60, von der wieder sehr spannende Inszenierungen kommen, während Pucher und Richter im Moment nicht zu einer Form finden. Nicht zufällig passiert uns im Moment ein halbes Tschechow-Festival.

Was macht Tschechow zur Zeit so populär?

Das große Thema bei Tschechow ist der Stillstand. Gotscheff oder Gosch inszenieren diese Texte mit einem glasklaren Blick und einer großen Gelassenheit. Ich bezweifle, dass jüngere Regisseure diese Widersprüche so aushalten könnten wie diese schon etwas älteren Regisseure.

Mit Tobi Müller sprach Irene Grüter

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