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MONOLOG

Ein Schauspiel ohne Straßenkarten

„Dunkel lockende Welt“ von Händl Klaus (9. und 10. Mai, Haus der Berliner Festspiele) zeigt Menschen, die nicht so können, wie sie wollen. Die Ärztin Corinna will nach Peru ausreisen. Ihr Vermieter Joachim liebt Corinna und findet einen Zeh in ihrer Wohnung. Als Corinna ihre Mutter beauftragt, das corpus delicti wiederzubeschaffen, kollidieren die Menschen und ihre Wünsche. Wiebke Puls, die Corinna, spricht über „Dunkel lockende Welt.“

Wenn man ein Stück von Händl Klaus inszeniert, kann man sich von der Illusion lückenloser Klarheit verabschieden. Wir verlassen die vorgezeigten und schon halb beschrittenen Wege und geben jeden Plan auf. Corinna, Joachim und Mechthild verfolgen Ziele, ohne dass sie diese je erreichen. Die Figuren bewegen sich auf einer Straßenkarte voller Sackgassen. Jeder von ihnen hat eine Leiche im Keller oder eine tote Mutter im Oberstübchen.

Joachim findet einen Zeh in Corinnas Wohnung; und wenn jemandem ein Zeh fehlt, dann weiß man, dass es ihm nicht gut geht. Ein Mord vielleicht. Es ist nur Material, sagt die Ärztin Corinna. Es ist nur ein winziger Körperteil, auf dem „das Ganze aber fußt“. Kleinigkeiten bekommen bei Händl Klaus eine monströse Bedeutung, die wir ihnen wieder nehmen: Zwischen den Sätzen lassen wir keine Luft, keinen Raum für zelebrierte Psychologie. Der Subtext bekommt keine Chance, sich auszubreiten. Die Ungereimtheiten müssen bestehen bleiben.

Die drei Personen sind nicht dechiffrierbar. Sie bewegen sich auf ihrer Sprache; reden wie Jon-Fosse-Figuren, nur dass sie so schrecklich viel geschwätziger sind. Es ist ein elegantes und störrisches Parlando, ähnlich einem Bossanova. Der Text entwickelt einen verlockenden Sog, Sätze zu singen oder zu tanzen, dem man widerstehen muss. Denn „Dunkel lockende Welt“ ist eine Komödie, die durch die Ernsthaftigkeit der Figuren und ihre Tragik angetrieben wird: Joachim will nach dem Tod seiner Mutter seinen Lebensraum vergrößern, „hohe Räume, hoch!“, doch es droht alles einzustürzen. Corinna will weg und kommt nicht dazu. Die Mutter sieht nur den Mikrokosmos unbeseelter photochemischer Reaktionen, während das Leben, ihre Tochter, vor ihr steht.

notiert von Verena Krebs

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