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Hohlraum, Hinterhof, Herz

Beim Stückemarkt wird „Licht frei Haus“ szenisch gelesen – geschrieben hat es der Berliner Autor Thomas Melle.

„Ich bin wohl etwas aus der Zeit gefallen“, sagt Thomas Melle, und schaut ratlos auf den Kalender in der Küche, der immer noch November zeigt. Seine Wohnung spiegelt die letzten Monate, in der sie nur als Sprungbrett zwischen äusserer Wirklichkeit und Textwelt gedient hat. Ein Luftzug weht Rechnungen hinter das Sofa, durch das offene Fenster dringen Geräusche aus dem Hinterhof, dem Schauplatz seines neuen Stücks „Licht frei Haus“. Ein liebloser und grauer Durchgangsort, wie es viele gibt in Berlin. Hier treffen vier Figuren aufeinander, die sich in ihrer Randexistenz eingerichtet haben: Ein Rentner, eine Witwe, eine schwangere junge Frau und ein dichtender Gelegenheitsjobber. „An sein Sofa geleimt, wartet man auf Wolken“, so beschreibt eine Figur die Lage. Zunächst beäugt man einander misstrauisch und schimpft durch die Gegensprechanlage, doch mit der Zeit entsteht eine unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft, die das Vertrauen in den Staat längst verloren hat. Das bekommt ein Sozialarbeiter zu spüren, der die idyllische Misere aufbrechen will und Veränderung fordert – einen Heimplatz für den verwahrlosten Rentner, bessere Lebensbedingungen für das erwartete Kind. Doch die Hausbewohner verteidigen ihr Revier im Abseits. Geeint durch den gemeinsamen Feind entwickeln sie eine Solidarität, die kurz vor dem Abriss des Hauses als neue Möglichkeit des Zusammenlebens aufscheint.

Eine Sozialutopie? Das Wort sei ihm zu stark, sagt Melle, ihm liege nichts an Moral. Ihn interessiere die Verzahnung des Einzelnen mit der Gesellschaft und dem Staat. Das Stück ist als Teil einer Tetralogie angelegt; der erste mit dem Titel „Haus zur Sonne“ wurde im Januar am Theater Erlangen uraufgeführt. Obwohl Thomas Melle das Milieu kennt, das er beschreibt, sind seine Dialoge nicht dem Alltag abgehorcht, sondern in einer Kunstsprache verfasst. Allerdings nicht so stark verfremdet wie in manchen Texten von Martin Heckmanns, mit dem er mehrmals als Ko-Autor zusammmengearbeitet hat, zum Beispiel für das Stück „Vier Millionen Türen“, das 2004 im Deutschen Theater gespielt wurde.

Zur Theaterarbeit angeregt wurde er auf dem Jesuiteninternat in Bonn, wo er seine ersten Stücke schrieb und inszenierte. Nach dem Abitur folgte das Studium der Theaterwissenschaft und Komparatistik, von Tübingen ging er nach Texas und belegte Kurse in Creative Writing. Dort lernte er das Werk von William T. Vollmann kennen, das ihn so faszinierte, dass er als Magisterarbeit den Roman „Huren für Gloria“ ins Deutsche übertrug und für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde.

Die Aufzählung von Projekten, an denen der knapp Dreissigjährige schon gearbeitet hat, macht deutlich, dass er manchmal geradezu manisch produktiv ist. „Es gibt Zeiten, in denen ich sehr schnell schreiben kann. Und dann liege ich wieder nur herum.“ Gerade in Berlin, wo er seit 1997 lebt, sei die Gefahr besonders groß, sich in Projekten zu verlieren.

Thomas Melle spricht schnell und sprunghaft, und es ist nicht immer einfach, dem Gedankenstrom zu folgen. Einmal sagt er, Schreiben sei etwas Zwanghaftes, etwas, das man sich nicht vornehmen könne. Dann sagt er, „Licht frei Haus“ habe er gezielt geschrieben, um einen Preis zu gewinnen, um nicht mehr als Werbetexter arbeiten zu müssen und sich aufs Schreiben konzentrieren zu können. Er habe genug davon gehabt, für seine Texte nur Lob und Interesse, aber keine Förderung zu erhalten. „Ich habe mich überall beworben und bin überall knapp gescheitert. Manchmal dachte ich, warum mache ich das, meine Festplatte ist voll von Texten, die keinen interessieren.“

Doch nun überwiegt die Aufbruchsstimmung, zu der auch die Auswahl seines Texts für den Stückemarkt beiträgt. Weitere Projekte sind geplant, und bald zieht er um und lässt den Hinterhof im Prenzlauer Berg hinter sich, in dem jedes Geräusch einen Nachhall bekommt. Oder wie es in „Licht frei Haus“ heißt: „Jedes Schmatzen, jedes Stöhnen wird zum Geschrei in diesem Hohlraum, egal ob wir ihn Hinterhof nennen, oder, entschuldige, Herz.“

Irene Grüter

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