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Felix und die Mädels

Das Auditorium dröhnt, das Festival hat einen Star. Souverän, großartig, intensiv, fulminant, virtuos, ideal. Das waren die Adjektive, mit denen die Presse die Leistung von Goeser/Platonow in Stuttgart beschrieb. Wer ist nun der Glückliche, den Kritik wie Zuschauer euphorisch als Entdeckung feiern, und wieso bezeichnet man ihn so freimütig als Star?

Beim Film ist ein Star jemand sei, der „Hintern auf Kinosessel schafft.“ Auf dem Theater wäre das also einer, der Hintern auf Ränge schafft. Der Medienwissenschaftler Knut Hickethier definiert den Star als „eine Person, die durch ihre körperliche Präsenz, ihr Auftreten, ihre Gestik und Mimik nicht nur eine Rolle glaubhaft verkörpern, sondern darüber hinaus auch noch ein Publikum zu faszinieren und auf seine Person zu fixieren weiß.“

Ich schaue mir den Herrn näher an. In seiner Rolle als Platonow ist Goeser alles andere als ein Augenschmaus. Schmerbauch, fettige Haarsträhnen, verschwitzte Klamotten. Aber glaubhaft, so sieht der russische Zyniker aus. Komisch nur, dass die Damen auf ihn abfahren. Soviel zur Rolle. Zur Person: In der Kassenhalle wartet ein schlanker Mann Anfang 30, schwarz gekleidet, abrasiertes Haar, Hornbrille. Die exzentrisch spitzen Schuhe fallen mir auf. Wir kommen der Sache näher. Goeser ist höflich distanziert. Dann wieder lacht er schallend. Ist es Unsicherheit, ist das die rheinische Frohnatur? Man weiß es bei dem gebürtigen Kölner nicht genau.

Die Fachliteratur unterscheidet drei Kategorien bei der Definition des Stars. Erstens den Erfolg, in Goesers Fall der Erfolg bei Frauen. Von Augenzeugen weiß ich, dass junge Damen in Stuttgart den Bühneneingang belagern und im Internet wird bereits über „eine neue Generation von Felix-Mädels“ gechattet. Der Star dementiert: „Es gibt dort keine Fanwanderung und niemand lauert mir an der Pforte auf.“ Eine Rampensau will er auch nicht sein, damit wäre man bei Kategorie zwei: dem Image. Goeser setzt auf Understatement und Teamgeist. Auf dem Teppich bleiben, realistisch und trocken. Er hat sechs Jahre in Berlin gelebt und weiß, mit welchem Publikum man es hier zu tun hat. Provinz-Bonus Fehlanzeige. Und klar, die Mannschaft ist der Star. „Dass Platonow im Mittelpunkt der Inszenierung steht, ist im Text angelegt. Wir wollten sicher kein Starstück daraus machen. Der Abend lebt von der Ensembleleistung.“ Bescheidenheit ist eine Zier! Nehme ich ihm das ab? Die Garderobe hat Goeser im Gegensatz zu seinen Kollegen auf jeden Fall für sich allein.

Die dritte Kategorie des Startums ist die Kontinuität. Schwierig zu beurteilen bei einem, der gerade erst seinen Durchbruch erlebt hat. Es folgten dem Platonow bisher zwei Rollen am Stuttgarter Schauspielhaus: Der Woyzeck, der die Gemüter und Damen weniger erregte, und der Vicomte de Valmont aus „Gefährliche Liebschaften“, der Goesers Talent für gebrochene Ekelfiguren bestätigte. Warum also nicht mal einen Richard III. spielen? „Her damit!“ ruft er, „Shakespeare ist fantastisch.“ Das Gleiche gilt ihm für Filmrollen.

Bescheiden oder kokett, Realist oder Star – Goeser lässt sich nicht in die Karten schauen. Er weicht charmant aus, verweist auf Regie, Kollegen, Publikum. Aber irgendwie scheint er doch eine Vorstellung davon zu haben, wo sein Platz in Zukunft sein könnte: Bei unserem Gespräch im Garten des Berliner Festspielhauses nahm er zielstrebig in der Hollywood-Schaukel Platz.

Petra Schönhöfer

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