| aktuelle Website | Impressum | Sitemap | mobil     || English
| Home | Theatertreffen | Onlineausgabe Festivalzeitung | Panorama
| Onlineausgabe Festivalzeitung
| Panorama
Öffnet die Druckansicht in einem neuen Fenster
Seite      1 | 2 | 3    

Melancholie

Berlin ist die melancholischste Stadt der Welt. Melancholischer als Kalkutta, Hammerfest und sogar als Oer-Erkenschwick. Berliner haben den Alexanderplatz erfunden, den Bahnhof Zoo und den Palast der Republik, über dem in großen Buchstaben „Zweifel“ geschrieben stand. In Berlin stellen sich die Menschen in Schlangen an, um mehr über die Traurigkeit in der Kunst zu erfahren. Das ist ein herzerweichender Anblick. Aber um Tschechow ganz nah zu sein, muss man auf die Premierenparties des Theatertreffens gehen. Dort steht der Mann mit dem traurigen Hundeblick, der Berliner Bürgermeister, erstarrt im Kameralicht des RBB vor dem Eingang des Festspielhauses, blickt in die Ferne und wünscht sich, ganz weit weg zu sein. In Kalkutta vielleicht. Drinnen stehen Menschen an, die gerade gesehen haben, wie Schauspieler knietief in Blut gewatet sind, um sich Schaum mit Bier und Trost zu holen oder um von Herrn Sartorius erkannt zu werden. Man muss anstehen, man muss etwas wollen, damit man am Leben ist. Auf der Bühne wird Blut und Leber weggeschrubbt, von Menschen, die sich zurück ans saubere Stadttheater wünschen. Der Mensch will immer woanders sein, als er ist. Er hält sich an seinem Paprikasalat fest und denkt an all die anderen Parties, wo er nicht ist, und wo es vielleicht Rausch und wohlige Traurigkeit gibt. Oder wenigstens besseres Bier. Jetzt ist er aber nun mal hier, in Berlin, beim Theatertreffen, und im Foyer läuft leise: „Besame“. Geküsst werden wollen alle, aber dann bekommt man Herpes, und deswegen isst man lieber noch ein aufgebackenes Brötchen. Das Glück ist anderswo und die meisten Prominenten auch. Jemand erzählt mit umwölkter Stirn, soeben habe sie sich in der Toilettenkabine neben Corinna Harfouch entleert, und trotzdem ist das Leben immer noch das Gleiche und Rechnungen müssen auch bezahlt werden. Niemand weiß das besser als Otto Sander, der gebeugt wie eine deutsche Eiche hinter dem leergeräumten Büfett steht, und sich wünscht, alle Biere, die er in seinem Leben getrunken hat, noch einmal trinken zu können. Bald sind alle weg, sie träumen daheim vom Ganges und russischen Steppen, die Bühne ist sauber geputzt und am nächsten Tag wird es wieder Blut geben, damit der Mensch weiß, wo er herkommt und wo er wieder hingeht. Ins ewige Nirwana oder nach Oer-Erckenschwick.

Verena Krebs

| zurück