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ICH

Aus der niedersächsischen Provinz nach Berlin. In den Gängen des ICE Damen und Herren mit Hauptstadtvorfreude, die laptoppen oder Psychologie-Lehrbücher lesen. Warum tragen eigentlich Frauen, die sich mit Psychologie beschäftigen, immer dicke Ringe?

Bahnhof Zoo, Christiane F., viele Menschen, und ich habe Hunger. Und ein bisschen Angst. Großstadtangst. Ja, der Dschungel und das alles. So viel Leben, so viel Geschichte, so viel Neues. Und Menschen. Überall, aller Art, zu jeder Zeit. Innerhalb der ersten vier Minuten höre ich drei verschiedene Sprachen.

Im Hotel ein Fehler. Sie haben mich in einer Suite untergebracht. Wohl fühlen oder sich verlieren? Ausprobieren. Vielleicht soll ich hier Privatvorführungen bekommen. Das Theaterstück kommt zum Kritiker. Und danach zusammen in die Badewanne. Mal sehen. Noch ein wenig umräumen, wohnlich machen und wieder raus. Essen suchen.

Am Kurfürstendamm werden auch um 22.45 Uhr noch Menschen aus Bussen gekippt. Daneben singen ein alter Mann und seine Gitarre „My Way“. Ohne Publikum. Ich bleibe stehen, er hört auf. Ich gehe weg, er fängt wieder an. Für Provinzler spielt er wohl nicht. Dann geht ein richtiger Herr, mit Dame eingehakt, an dem Musiker vorbei und legt einen Schein in den Hut. Er spielt weiter.

Es macht Sinn, aber wundern wird wohl noch erlaubt sein. Diese Prachtkarossen hinter Glasfronten werfen die Frage auf, wie die da wieder herauskommen. Ich möchte auch einen Mercedes in meiner Suite. Einfach nur so.

Aber schöner sind doch die Nebenstraßen. Ich trinke ein Weizenbier aus einem viel zu kleinen Pappkaffeebecher und gehe ins Dunkle. Dort hin, wo die roten Lichter blinken. Es ist nicht das Beate-Uhse-Kaufhaus, einige Ecke entfernt, sondern es sind junge Männer, die vor kleinen Türen stehen und dich hineinzerren wollen.

Nur mich sprechen sie nicht an. Sie sehen es eben: Provinzler haben keine Ahnung, wie Sex gekauft wird. Die brauchen ihre Wollsocken und den heimeligen Ofen für das Kuschelgefühl. Aber ich habe doch ein Doppelbett. Ich könnte eine mit zu mir in die Suite nehmen, die Socken anbehalten, den Mercedes in Brand stecken, dann wird’s heimelig und …ach. Was für ein Theater!

Tim Meyer

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