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GAST

Linke Läufer

Der Fußball kann ohne Autoren leben, aber manchen Autoren kaum ohne Fußball: wenn die Tiefe des Raums endlich nicht zwischen Zeilen liegt oder im Abstand zwischen Fingern und Tasten vor dem Druck, sondern ein Pass geschlagen wird, blind in den Lauf, wie eine Zeile gezogen, ein Strich, und dann eine Täuschung, eine Blendung, eine Drehung, die Ferse statt Versen gehoben, vom Gegner befreit, und plötzlich allein vor dem Tor, vor dem Torwart, und endlich vor dem leeren Tor, ausgespielt, alles ausgespielt, alle ausgespielt, und nicht vor dem leeren weißen Blatt, nein, am Ziel vor der weißen Kreidelinie zwischen den Pfosten, und den Ball ins Netz gedroschen, die Arme in die Luft gerissen- wie würde das am Schreibtisch aussehen?

Autoren lieben Fußball, denn er ist die erlebte Möglichkeitsform, alles kann in Sekunden verändert werden, kann sich in Sekunden verändern: Helden sind Helden auf Zeit, sie tragen Zeitbomben in ihren Knöcheln. Wer im Licht steht, steht plötzlich im Abseits, allein, kaltgestellt, abgemeldet, ausgewechselt, ausgepfiffen, mit Feuerzeugen beworfen. Wie in Klagenfurt eben.

Der Fußball ist voller Erzählungen, aber was am meisten zählt, ist auf dem Platz. Fußball heißt für einen Autor, sich vergessen, vergessen machen, daß man es nicht geschafft hat, Fußballer zu werden, heißt, die Kindheit nicht beschwören, sondern wieder erleben. Fußball heißt mit staunenden Augen auf eine Taktiktafel zu schauen, als wäre es der Schlüssel zu dem Roman, auf den alle gewartet haben. Fußball ist im echten Leben im Idealfall konkrete Poesie, auf dem Rasen, und danach vor laufender Kamera- aber man soll das nicht hochsterilisieren. Autoren dagegen spielen auf Schattenplätzen, auf staubigen Sandplätzen, auf Sysiphoskieselplätzen, auf Ascheplätzen- was nicht heißen soll, das die Grätschen weniger energisch oder blutig sind. Sie kommen nur meistens zu spät.

Wenn Autoren Fußball spielen, wollen sie Fußballer sein und keine Autoren. Wenn Fußballer schreiben, dann wollen sie Geschichte schreiben und keine Geschichten. Wenn sie Fußballer lesen, dann lesen sie ein Spiel oder die Spielzüge des Gegner oder die Kreditkartenabrechnungen ihrer Spielerfrauen. Aber Fußballer sind auch Schauspieler. Wenn einer eine Berührung vortäuscht, oder eine Schmerz, wenn einer theatralisch zu Boden geht, sich windet, dreht, die Augen verdreht, die Hände vorm Gesicht sich vom Platz tragen läßt, dann ist er: ein Schauspieler. Es gibt kein größeres Schimpfwort. Wenn einer das Mittelfeld beherrscht und nicht ins Schwitzen gerät, dann ist er ein Regisseur. Es gibt kein größeres Lob. Da kommen sich Theater und Fußball doch sehr nah. Wenn Autoren gegen Theaterleute auf Kunstrasen Fußball spielen, dann kann es nur einen Gewinner geben: Den Spiralblock.

Albert Ostermaier

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