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Keine Inszenierung des diesjährigen Theatertreffens polarisierte
Publikum und Kritik so sehr wie Jürgen Goschs Düsseldorfer „Macbeth“.
Zwei Kritikerinnen – zwei Meinungen.


Pisse ohne Poesie

Jürgen Goschs Lesart der Tragödie „Macbeth“ eröffnet mit einem Paukenschlag! Bilder aus seiner „hell’s kitchen“! Riesengroß wird der gewaltige Knall über dem Rest der Inszenierung tönen. In den ersten dreißig Minuten bluten, würgen und pissen die sieben Schauspieler auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Der Text bleibt unverständlich. Er ist dem Regisseur nicht wichtig. Dabei ist Shakespeares Vorlage voll von Momenten des Sprachwitzes und der Poesie.

Der Aufsteiger Macbeth, der – angetrieben durch ein Hexenorakel – auf Leichenbergen nach oben klettern kann, interessiert Gosch nur als Auslöser eines Skandals. Was der Regisseur mag, sind mächtige, dreckige Bilder. Die Gewalt führt Regiment. Und das banale Reduktionstheater treibt das Publikum an die Grenzen von Schmerz und Ekel. Zu zwar wahren, aber banalen Erkenntnissen: Die Welt ist böse, und in jedem von uns steckt das Tier.

Nicht echt sind Blut, Kot, Urin, die die Schauspieler auf der Bühne und ihren nackten Körpern verschmieren. Natürlich nicht: alles nur Spiel. Am Anfang widerlich, und je länger es dauert, desto langweiliger. Dennoch echter Ekel, echter Schock. Aber Gosch übersieht eines: Theater muss nicht immer wehtun, um zu wirken. Mehr Kraft läge darin, die leisen Momente des Stückes zu betonen. Zum Beispiel, wenn König Macbeth seine Krone aus Papier immer wieder vom Kopf rutscht, weil sie ihm zu groß ist. Doch Gosch blockiert das Stück, indem er es über viel zu lange Strecken zum Nervenkitzel macht.

„Ich steck so tief / im Blut, dass, sollte ich nicht weiter waten, /der Rückweg ebenso ermüdend wär’“, übersetzt die Filmemacherin Angela Schanelec Shakespeare für Gosch. Der Regisseur watet. Er lässt die Schauspieler waten. Wer nicht mitwaten will, geht raus.
Karin Kontny


Pisse mit Poesie

Mach’ sich mal einer diesen Macbeth klar! Ein brutaler Ehrgeizling, der seine Gegner „vom Nabel bis zum Kinn“ aufschlitzt und dafür auch noch Anerkennung einheimst. Einer, der hintertückisch den schlafenden König mordet und nebenbei die Wachen um die Ecke bringt. Einer, der den Weg zur Krone von allen nochübrigen Stolpersteinen samt Frauen und Kindern säubert. Ein Verbrecher übelster Sorte! Dass er hier und da schlechte Nerven zeigt, macht nichts ungeschehen – und da wäre ja auch noch die eiserne Lady …

So. Und nun kommt Jürgen Gosch und inszeniert genau das. Mit einem entfesselten und derben Spiel, tabufrei wie die Machtbesessenen ihrerseits. Eine blutige Theaterschwerstgeburt, die hierbei erleuchtetem Saallicht drei Stunden über die Bühne glitscht, eingeleitet von Shakespeares geschlechtslosen Hexen: nackte Männer mit eingeklemmten Schwänzen, kackend, pissend, rohes Fleisch gierig befingernd. Pfui Teufel! Und dabei alles ganz im Sinne des Dichters. Wie bitte? Dass der heilig gesprochene Shakespeare Ekeleien in seinem edlen Geist ersonnen hat, das schmerzt – und lässt sich durch bürgerlich anständige Inszenierungen wunderbar verleugnen. Diese Hexen aber, das sind krudeste Gestalten an der Grenze zur Erträglichkeit. Nicht, weil sie dicke Warzen haben oder was von Tigerpipigebräu erzählen, sondern weil sie so erschreckend irdisch sind. Ein beschämend verstörend ursprüngliches Spiel. Warum all das?

Nicht wir lesen Shakespeares Werke, sondern seine Werke lesen uns, behauptet der Literaturwissenschaftler Harold Bloom. Uns: den Menschen als gewalttätigen Machtbluthund und doch schutzlos nackte Neugeburt. Du bist Shakespeare! Und schmerzlich werktreu ist Gosch. Sein Theater macht das Ursprüngliche im Menschen körperlich erfahrbar. Kaum schmeichelhaft, schwer erträglich, schonungslos, aber wahr!

Dabei erzeugt er auch Bilder von größter Ruhe und Poesie: Einen friedlichen Wald aus einigen Ästen und trillernden Schauspielern. Einen Papiersegelfetzen, der langsam kreisend über der Szene schwebt wie ein Damoklesschwert. Macbeth, der nackt und verlassen, perspektivlos und müde mit rutschender Krone seine letzte Zigarette qualmt. Bei bewusst desillusionierenden Mitteln wie Saallicht und sich umziehenden Schauspielern entsteht eine Inszenierung auch von Versunkenheit, von Glaubwürdigkeit und Atem raubender Intensität. Dies ist einer achtsamen Regie und Darstellern zu verdanken, die einfach unverschämt gutes Theater gemacht und deutlich mehr geleistet haben, als sich nur mit Exkrementen zu beschmieren.

Lilian Ascherfeld

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