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GAST

Melancholie

Niemand dankt es mir, daß ich die Welt durchschaue und deshalb nichts für sie tun kann, ohne mir dabei lächerlich vorzukommen. Der Humoralpathologie zufolge habe ich zuviel schwarze Galle (melas cholé), vielleicht bräuchte ich aber auch nur mal wieder Sex. Andererseits ist man hinterher immer so depressiv, also wozu der Aufwand? Melancholie ist ja auch kein Unfall, sondern die Konsequenz jeder ernsthaften intellektuellen Anstrengung. Eigentlich müßte man als Melancholiker automatisch in die Künstlersozialkasse aufgenommen werden. Aber die Gegenwart hat diesen philosophischen Zustand zur "endogenen psychotischen Depression" degradiert, die "Mönchskrankheit" ist zur Volkskrankheit geworden. Es ist deprimierend zu erfahren, daß man als Melancholiker nichts besonderes mehr ist. Das Mittelalter wußte Gegenmittel, z.B. Pulver vom Stoßzahn des Narwals, der sich diesem Tier durch die Oberlippe schraubt, bis zu 10 Kg wiegt und 3 Meter lang wird. Man wußte nicht, wozu er dem Narwal diente, aber man glaubte, daß er dem Menschen gegen Melancholie half. In Renaissance-Schatzkammern wurde er deshalb aufbewahrt, wie auch ein anderes Gegenmittel, der Bezoarstein, eine kugelförmige Mineralisierung unverdauter Fasern im Magen von Wiederkäuern. Vielleicht hilft gegen Melancholie ja alles, was hinreichend schwer zu beschaffen ist, wie z.B. ein Ticket für das Finale der Fußball-WM? Solange man weder das, noch eine Dose Narwalzahnpulver auftreiben kann, bietet sich jede Form von fremdem Elend zur Aufheiterung an, z.B. Liebeskummer alternder Menschen in Tschechow-Stücken. Aber Tschechow ist auch nicht ungefährlich, denn, wenn ich ihn lese, bedrückt mich schnell der Gedanke, daß ich vielleicht nie so etwas vollkommenes schreiben werde, wie er. Mein Talent als Autor reicht gerade dazu, zu erkennen, wieviel besser Tschechow war. Was für ein Elend.

Jochen Schmidt ist Schriftsteller.
Er schrieb unter anderem den Roman „Müller haut uns raus“.

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