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Wedeln mit dem Schwanz

Was will der Zuschauer? Keiner weiß es, keiner kennt ihn, obwohl jeder einer ist. Jens Roselt, Jahrgang 1968, begibt sich mit Regisseuren, Schauspielern und Dramaturgen auf die Suche.

Um das Bikini-Haus, den langen 50er-Jahre-Riegel zwischen Zoo-Palast und Elefantentor, brandet der Verkehr. Ströme bunten Blechs und noch bunterer Touristen drängen an der Glasfassade entlang. Das Haus, als Aufbauhilfe des Spinnerei-Gewerbes errichtet, erfüllt nun für kurze Zeit wieder seinen alten Zweck: Während des Theatertreffens finden hier Workshops für die jungen Theatermacher des Internationalen Forums statt.

Im vierten Stock hält Jens Roselt, Theaterwissenschaftler an der FU und Dramatiker in Personalunion, ein Seminar über Stile des Zuschauens: Die Zuschauerperspektive ist die gemeinsame Gesprächsbasis aller Teilnehmer. Sie kommen aus verschiedenen Theaterberufen, sie bringen unterschiedliche Erfahrungshorizonte mit.

Auf einer Tafel haben die Teilnehmer Attribute des „idealen Zuschauers“ gesammelt. Der Wunschzettel der Theaterpraktiker ist lang. Neugierig, humorvoll, einfühlsam, erwartungslos, naiv, deformierbar. Roselt: „Erst ganz am Schluss sagte jemand, er sollte auch politisch sein. Da bekamen wir einen Schreck. Unser idealer Zuschauer war absolut konform und zeitgemäß: der asoziale Egoist, ein Globalisierungs-Arbeiter.“ Tatsächlich, die gleiche Tafel könnte mit anderer Überschrift auch in einer Unternehmensberatung stehen. Wären da nicht zwei Worte: Liebe und Seele. Sie stammen von den Teilnehmern aus Japan und Georgien, wo Theater offenbar noch etwas Rituelles bewahrt hat. Die Liebe zum Theater dürfe nicht enttäuscht, die Seele des Theaters nicht verletzt werden.

Im Bikini-Haus ist eine leidenschaftliche Diskussion entbrannt: Wie kann man im Theater Gesellschaft zeigen, ohne am Individuellen kleben zu bleiben? Hinter den Fensterflächen sieht man die bunte Menge. Menschen, Individuen. „Wenn man beobachtet, was um uns herum passiert und das konkret beschreibt, hat man sofort eine Haltung. Und die ist immer politisch“, sagt Gero Vierhuff, Regisseur und Seminarteilnehmer.

Vierhuff arbeitet gerade in Hamburg am Rahmenprogramm der „Abseits-WM“, einer Fußballmeisterschaft für Asylsuchende. Vorher hat er ein Stück der die Zerrissenheit junger Deutschtürken inszeniert. Gegen den Konformismus setzt er die Kraft der Wut: „Der Trotz der Selbstbehauptung, aus dem Dreck meine eigene Welt zu bauen, ist der Grund, warum wir überhaupt Theater machen.“ Sagt Vierhuff.

Im Verlauf der Gespräche sei das Politische immer präsenter geworden, so Roselt, gleichzeitig aber auch unschärfer. Politik habe hier nichts mit Weltbildern oder Parteien zu tun. Das Politische beschreibt offenbar eine künstlerische Interessenlage der Theaterleute, einen bestimmten, aber diffusen Willen, etwas über die Gesellschaft zu sagen – was immer das sei. Die allgemeine Verwirrung scheint so stark, dass nicht nur Partei- und Ideologiegrenzen verschwimmen, sondern der Begriff des Politischen selbst. „Die Frage nach dem Politischen ist im Theater besonders bohrend, da es in einem sozialen Kontext steht. Bei einer Theateraufführung wird eine Gemeinschaft geschaffen. Durch die Gleichzeitigkeit von Spiel und Zuschauen zeichnet sich das Theater ja aus. Natürlich findet da eine Interaktion zwischen Bühne und Zuschauern statt.“ Interaktion? Klatschen und Lachen sind im Theater erlaubt, vielleicht auch noch Weinen, im schlimmsten Fall geht man raus. Eine verbale Teilnahme an den Dialogen dürfte jedoch allgemein als unüblich gelten. Nimmt man das Kasperletheater aus, das mit einem tatsächlichen, wenn auch ritualisierten Dialog beginnt. „Ja!“, aber auf die Bühne zu steigen und Macbeth eine runterzuhauen, würde die Konvention von Darsteller und Zuschauer zerstören. Auf der Bühne wird gespielt, im Zuschauerraum schauen die Leute ganz echt zu.

Reaktionen scheinen also weitgehend ausgelagert ins Foyer, in Publikumsgespräche. Was bleibt, sind subtilere Formen der Interaktion: „Es ist ein Fluss von Energien und Aufmerksamkeit. Das ist leider nicht messbar“, sagt Roselt. „Der ideale Zuschauer hätte einen Schwanz, mit dem er wedeln kann, ohne zu stören.“

Nico Schrader

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