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Die Workshops des Internationalen Forums erhitzen Körper und Köpfe.
Wir haben die Leiter Nasrin Pourhosseini und Jens Roselt bei der Arbeit besucht.


Multikultische Gänsehaut

„Ein Mops kam in die Küche und stahl dem Koch ein Ei, da nahm der Koch den Löffel und schlug den Mops zu…“ Lang nicht mehr gehört. Jetzt wieder. In „Soli und Ensemble – Partitur des Darstellers“, einem von vier Workshops des Internationalen Forums beim Theatertreffen. Ein erwachsener Mann singt. Groß und hager hievt er mit langen Armen angestrengt ein knochiges Bein vor das andere und stiert beängstigt in die Ferne. – Klatsch – macht sein nackter Fuß auf dem Holzboden. „... und stahl dem Koch ein Ei“ – Klatsch – „da nahm der Koch den Löffel“ – Klatsch – „und schlug den Mops zu Brei“ – Klatsch.

Hagerer Mops setzt sich. Ein Nächster steht auf. Ringt. Kämpft. Mit der Sprache, der Stimme, dem Körper. Windet sich mit verknoteter Zunge sabbernd die Wörter aus dem Rachen und biegt dabei den Rumpf zu einer Spirale, mit der man Korken ziehen könnte. Der Arme. Das muss wehtun. Der Glückliche. Das muss Spaß machen.

Die Workshopleiterin Nasrin Pourhosseini klatscht in die Hände. „Ja, but you should work more in changing rhythms. So it becomes something really crazy and colorful”. Ein Anderer watschelt mit ausgestrecktem Hintern. Mops meets Donald Duck. „Try this movement with different dynamics“, ruft sie dazwischen. Er setzt wieder an und sie: „Stop“. Er macht weiter und wieder: „Stop“. Bewusst wird die Bewegung unterbrochen. Erhält einen Impuls, setzt neu an, Impuls, setzt neu an. „It is difficult for the text to be different, if you do not have different dynamics”, fährt Nasrin fort. „Change the dynamic, if you want your acting to be alive.” Genau. Es geht hier um Schauspiel, lebendiges Schauspiel, und darum, wie man es erreichen kann. Lektion I: Tempo und Rhythmus ändern. Mach mir ja keinen Tschechow.

Ein Tag später. Samstag. Schleiche mich in den Probenraum, werde schüchtern begrüßt, spitze Ohren und Bleistift. Kaum sitze ich, ertönt der raue, hohe Gesang eines Mannes. Er singt Indisch. Versteh kein Wort. Das ist gut, denn da ist nur der Klang. Schließe die Augen und spüre wie die unerhört unbekannten Töne in mein Ohr zurück in den Raum und wieder in meine Lauscher fließen. Gänsehaut! War da was in meinem Kaffee? Opium? Dann: Eine Frauenstimme. Auch sie singt ein fremdes Lied in fremden Worten. Arabisch? Sprache, Töne, Stimme, Melodie: alles fremd. Und wunderschön. Wo kommt sie her? Da will ich hin! Ihr Nachbar ist dran. Singt „Lilli Marleen“. Schade. Ein Deutscher. Wieder zu Hause. Klingt so ernüchternd normal. Wie das wohl der Inder findet? Ob der jetzt auch eine Gänsehaut kriegt? Vielleicht eher Heimweh. So wie ich Fernweh.

Nächste Übung: Einer beginnt, Lied, Text und Bewegungen zu kombinieren. Ein anderer stößt dazu. Andres Lied. Andrer Text. Andre Bewegungen. Jeder arbeitet hier mit seinem individuellen Material. „Play together. Be connected to each other and to the energy of the space.” Für manch einen hört sich das nach Eso-Trip an. Ist aber keiner. Ist das Leben - ob Theater, Party oder Aldi. Indien, Iran oder Deutschland. Das Ziel heißt: sich begegnen, eine gemeinsame Sprache finden. Lektion II: Du bist unabhängig, doch du bist nicht allein!

Drei Tage später: Die Teilnehmer sitzen im Kreis. Lesen. Es ist „Dantons Tod“. Jeder einen Satz. „Now try to give it a musical direction“. Und da entsteht - wundersam - ob Schreien oder Flüstern, Krächzen oder Quietschen, Schnarren, Säuseln oder Stottern, Singen, Seufzen oder Schmatzen: ein Konzert! Eine Symphonie unterschiedlicher Stimmen, Geräusche und Töne. Unterschiedlicher Sprachen, Melodien und Wörter, unterschiedlicher Rhythmen. Zart und leise, langsam und zaghaft, dann aufbrausend, dynamisch, wild und laut. Es scheint so leicht und so logisch: Hören, Schauen, Reagieren. Dann klappt’s auch mit dem Nachbarn. Das ist Lektion III. Gute Reise!

Lilian Ascherfeld

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