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Befriedete Zone

Junge Theaterschaffende aus 20 Ländern beim Internationalen Forum des tt06. Unter ihnen: Schauspielerin und Autorin Eynat Baranovsky aus Israel.

Eynat, in einer Kurzbiographie schreibst Du von Deinem Wunsch nach etwas Größerem. Ist das ein religiöses Motiv?

Ja. Meine Großeltern sind 1935 nach Israel emigriert. Ihr eigenes Leben war ihnen wichtig, aber wichtiger war das große, gemeinsame Ziel. Heute gibt es solche Ziele nicht mehr. Wir führen ganz normale kleine Leben.

Du schreibst in Deinem Dossier vom „Krieg zwischen Gut und Böse“. Was ist das Gute, was das Böse?

Das ist eher etwas Persönliches von mir. Zum Beispiel die Filme, die ich gerne sehe, sind Abenteuer- und Fantasy-Filme, da ist alles klar. Man weiß, wer gut ist und wer schlecht ist. Nehmen wir Star Wars: die Jedies sind gut und das Empire ist schlecht. Davon habe ich immer geträumt: Zu wissen, was man machen soll. Ich kann nicht sagen, dass ich ein Jedie bin und wer das Empire ist. Nein. Es geht nur um Fantasie. Ich wollte einen Bereich im Leben finden, wo man Fantasie noch spürt.

Das läuft aber auf eine Utopie hinaus…

Ich möchte keine Utopie auf die Bühne stellen. Als Schauspielerin kannst Du nicht wählen, du bekommst eine Rolle. Als Autorin kann ich wählen, was ich sagen will: Die Liebe siegt. Wir sind in einer Zeit, in der wir keine richtigen Werte haben. Man hat alles gemacht und alles gesehen. Die einzigen Werte, die uns noch bleiben, sind Menschlichkeit und Liebe.

Gibt es im israelischen Theater Tabus?

Keine offiziellen. Aber wenn wir ins Theater gehen, wollen wir nicht verärgert werden. Meiner Meinung nach sollte man auf der Bühne nicht zeigen, was man nicht voll und ganz machen kann, Morde zum Beispiel.

Wie fandest Du „Macbeth“ von Gosch?

Schrecklich, aggressiv, männlich primitiv. Da stehen nicht Schauspieler auf der Bühne, da steht ein Regisseur und sagt: Schaut her, ich bin ein Genie. Laßt das! Entweder ein Regisseur nimmt ein Stück und sagt: OK, ich mag dieses Stück, es ist gut, und man braucht man es nicht so sehr zu dekorieren. „Macbeth“ ist eine Geschichte, die funktioniert schon seit 400 Jahren.

Gäbe es diese Inszenierung in Israel?

Nein, niemals. Das Publikum würde es nicht ertragen. Sieben Nackte auf der Bühne – dafür müsste es wirklich einen guten Grund geben.

Ein „bürgerlicher“ Geschmack der Zuschauer?

Ein zarter. Zart ist das richtige Wort. Das israelische Theater beschäftigt sich mit persönlichen Themen, aber weniger mit gegenwärtigen Konflikten.

Warum sind europäische Theaterstoffe für das Publikum in Israel attraktiv?

Wir passen sie nicht unserer Situation an, trotzdem sagt das Publikum: „Hey! Wir haben ein klassisches Stück gesehen!“ Tischgespräche über Antigone, nicht weil es noch aktuell ist, sondern als Statussymbol.

Aus Israel hören wir von Selbstmordanschlägen und Vergeltungsakten. Besitzt die Atmosphäre der Angst nicht eine Aktualität, die auf die Bühne gehört?

Ich fahre nicht mit dem Bus, denn ich habe Angst. Im Café schaue ich mich ständig um, ob alles in Ordnung ist. Diese Angst im Theater zu spiegeln, funktioniert nicht, denn sie ist zu real.

Du hast die hebräische Bühnenfassung von „Aimée und Jaguar“ gemacht, eine deutsch-jüdische Frauenliebe im Dritten Reich. Wie wird das Stück in Israel rezipiert werden?

Ich erwarte positive Reaktionen. Mindestens ein Stück jährlich dreht sich um den Holocaust und die Menschen der Zweiten Generation.

Gibt es Gastspiele von israelischen Ensembles in den Autonomiegebiete, einen Personal- oder Wissenstransfer?

Transfer existiert nicht. Arabischsprachige Theater gibt es in Jaffa und in Ramallah, wo europäische Stücke zu sehen sind, zum Beispiel von Garcia Lorca. Die Menschen in Gaza kämpfen um ihr Leben, deshalb wäre Theater zu spielen ein Luxus.

Gibt es in Israel eine Debatte zur Frage: Was gibt das Theater der Gesellschaft zurück? Wie ist seine öffentliche Förderung zu rechtfertigen?

Auch in Israel will nicht allein die Regierung Mittel kürzen. Gleichzeitig aber nutzen 40 Prozent der Bevölkerung das Theater, es ist keine kulturelle Marginalie, viel ergiebiger als die Filmszene, in der es jährlich höchstens zehn Produktionen gibt. Vor Jahren hieß es in Israel, Theater sei eine tote Kunst. Trotzdem behält es seine immense Bedeutung. Was wir der Gesellschaft zurückgeben, sind Werte: Menschlichkeit, Moral, Liebe. Das ist die große Leistung von Theater: für zwei Stunden aus dem eigenen Leben herauszutreten und zu sagen: „Genauso habe ich geliebt, genauso habe ich gehasst, und diesen Neid kenne ich auch.“ Und mich dann zu hinterfragen: „Habe ich es richtig gemacht?“

Das Gespräch führten Nico Schrader und Leonie Wild.

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