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EDITORIAL

Immer seltener erlaubt eine Theaterkritik, sich eine Vorstellung davon zu machen, was auf der Bühne tatsächlich stattgefunden hat. Kaum ein Kritiker vermag noch, die Leistung eines Schauspielers zu beschreiben, sein Spiel, seine Sprachbehandlung, seine Körpersprache. Andrea Breth, die im Rahmen des tt 06 den„Theaterpreis Berlin“ erhält, sagte kürzlich in einer Rede: „Für einige Kritiker sind Theaterabende nur Assoziationsfelder, um ihre eigene Sprachmächtigkeit zu demonstrieren, ihren selbst-verliebten Witz, ihr Vorurteil. Denn meistens ist das Urteil bereits gefällt und die Augen registrieren nur, was dem eigenen Sprachkunstwerk in die Tasten spielt.“ Das ist wunderbar formuliert –wer dächte da nicht an einen gewissen Großkritiker mit inzwischen notorischem Spiralblock? –, aber doch auch sehr harsch. Theaterkritiken sind nicht Anlass für Selbstinszenierungen. Sie werden für Leser geschrieben, für ein potentielles Publikum. Wirklich beunruhigend wäre daher, wenn nicht nur die Schere zwischen den Kritikern und denen, die sie kritisieren, sondern auch die Schere zwischen den Kritikern und der Leserschaft immer mehr auseinander ginge. Die Festivalzeitung tritt nun in ihr zweites Jahr, mit hoher Risikobereitschaft, Improvisationsgeschick und Selbstbewusstsein. Zwölf angehende Kulturjournalisten und drei junge Fotografen stellen die zehn Aufführungen des Theatertreffens, den Stückemarkt, das Internationale Forum und viele weitere Programmpunkte ins Licht öffentlicher Reflexion. Sie haben die Chancegroßer Nähe zu Theaterprozessen, zu Schauspielern und Regisseuren, zu den Machern des Festivals, und sie haben auch die Möglichkeit des Blicks auf das Gesamtgeschehen und damit des Vergleichs – was im Normalfall bei Besprechung einer einzelnen Aufführung so gar nicht möglich ist. Sind Ratschläge nötig, angesichts der beiden Mentoren C. Bernd Sucher und Dirk Pilz, angesichts des erfahrenen Redaktionsleiters Torsten Harmsen, mit der Universität der Künste Berlin und der Berliner Zeitung als schon bewährten Kooperationspartnern und Manfred Eichel als Schirmherr des Blattes? Dennoch möchte ich den jungen Journalisten zurufen: Macht Eure ästhetischen Kriterien transparent! Bewahrt Euch Eure frischen Antennen! Und: Liebt das Theater! Liebt die Menschen, die Schauspieler!
Und toi-toi-toi für diese erste Ausgabe!

Joachim Sartorius
Intendant der Berliner Festspiele

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