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Theatrale Kannibalen

„Dogmen des alten Theaters: Oder die Rückeroberung der Wirklichkeit“ heißt die erste Diskussion während des Theatertreffens 06. Auf dem Podium: tt Jurymitglied Christine Dössel, Regisseur Jürgen Gosch, Spiegel Kulturchef Matthias Matussek, Regisseur Andres Veiel, Daniel Wetzel von Rimini Protokoll und der Moderator Dieter Moor. Zur Aufzeichnung rollt 3sat mit vielen Scheinwerfern an, und als amuse geule gibt’s erstmal einen Trailer. Der allerdings kommt derart reißerisch daher, dass er den Appetit verdirbt. Bitter schmecken nicht nur voyeuristische Bilder aus Abu Ghraib, sondern vor allem peinlich unreflektierte Vergleiche, mit denen man etwa genanntes Kriegsgefängnis und Goschs „Macbeth“ unter einen Hut zu zwängen versucht, der selbst für einen Schrumpfkopf zu klein wäre. Der sonst so besonnene Regisseur findet deutliche Worte: Müll sei da über den Bildschirm gelaufen, dieser Ort im Irak und seine Inszenierung hätten nichts miteinander zu tun, er fühle sich beteiligt an einer pornographischen Veranstaltung. Fassungslos zu Recht! Die Diskussion ist eröffnet! Als Erster stürzt sich Matussek hinein: Polternd und aufgeblasen mit sehr viel heißer Luft. Er ist eingeladen, weil er vor einiger Zeit den Popjournalisten Joachim Lottmann ausschwärmen ließ, mal für den ganz normalen Theatergänger seine Meinung über das plump als „Ekeltheater“ Betitelte kundzutun. Dass Matussek in Verteidigung des Autors den Kritiker per se als Kannibalen beschreibt, also als einen, der seinesgleichen verspeist, stimmt irgendwie nachdenklich. Wär's doch grad schön, wenn's nicht so wär.

Was eigentlich will man mit dieser Dresche erreichen? Und vor allem: Worüber zerreißt man sich den Mund? Die Frage, ob Theater Wirklichkeit abbilden darf, macht wenig Sinn – in irgendeiner Form tut es das immer. Zwar mag man streiten, ob auf der Bühne Blut und andere Körperflüssigkeiten als vermeintliche Abbilder der Realität fließen sollen; der aggressive Ton der Auseinandersetzung aber zeigt etwas Anderes: Nämlich, dass es Besitzansprüche gibt. Ansprüche, das Theater als heilig erhabene Halle, als museale „Textverwahranstalt“, wie Christine Dössel es nennt, zu konservieren. Aber ist es nicht Ort der Auseinandersetzung mit dem Leben? Das Theater ist ein eigenständiger Freiraum zur Betrachtung der Welt. Ein Raum, in den jeder sein gelebtes Leben einbringen kann. Ein Raum, der vom Regisseur verteidigt werden muss, wie Andres Veiel betont. Jürgen Gosch ist inzwischen gegangen. Sein Stuhl ist leer: theatraler Freiraum! Bleibt die Frage, wie er in Schrumpfköpfen Platz findet.

Lilian Ascherfeld

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